Als ich mit Lee den Raum betrat, stand bereits ein Mann hinter dem Rednerpult und wetterte gegen irgendetwas. Für einen Moment dachte ich, dass der Gottesdienst bereits angefangen hätte und wunderte mich, dass Lee so seelenruhig mit mir und einigen anderen am Eingang der Kapelle inmitten der vielen Menschen gestanden und geredet hatte. Doch so richtig gestartet zu haben schien der Gottesdienst dann aber doch noch nicht, denn auch nachdem Lee, eine U.S.-amerikanische Bekannte von ihr und ich Platz genommen hatten, tröpfelten nach und nach immer noch Besucher in den kleinen Saal. Größtenteils waren Schwarze afrikanischer Abstammung anwesend, man sah aber auch einige Japaner. Letztlich war es ja auch ein englischsprachiger Gottesdienst. Wann genau der Gottesdienst letztlich losging, kann ich gar nicht genau sagen, es läuteten weder Glocken, noch gab es jemanden der sagte: Der Gottesdienst beginnt jetzt. Irgendwann war man einfach mittendrin: Der Pastor stand hinter dem Rednerpult und noch bevor er irgendetwas sagen konnte begann eine Frau aus der ersten Reihe einen Gospel anzustimmen und klatschend durch die Reihen zu tanzen. Ein Großteil der Anwesenden stimmte nach und nach ein und irgendwann hörte man überall im Raum Gläubige singen, klatschen, rufen und sah sie im Takt dazu die Hüften schwingend auf ihrem Platz tanzen. Ich stand ein wenig deplatziert mitten im Raum, weil ich das Lied nicht kannte und versuchte nicht aufzufallen, indem ich ein wenig auf meinem Platz im Rhythmus wippte, klatschte und ein paar Töne murmelte. Insgesamt kam ich mir aber doch ein wenig komisch vor inmitten all der Gläubigen, die so unbeschwert und zügellos ihren Glauben auslebten, und fragte mich, warum ich überhaupt gekommen war.
Es ist schon eine ganze Weile her, dass Lee mir von dem allwöchentlichen, afrikanischen Gottesdiensten erzählt hatte ("
Lebensfrohe Menschen"), und ich hatte schon damals eingewilligt sie irgendwann einmal in einen dieser englischsprachigen Gottesdienste zu begleiten. In der Weihnachtszeit war ich dann zwar mit ihr in einem japanischen Jugendgottesdienst gegangen ("
Gottesdienst auf Japanisch"), doch in den versprochenen englischsprachigen Gottesdienst voller lebensfroher Afrikaner, war ich ihr bisher immer noch nicht gefolgt. Zumindest nicht bis zu diesem Sonntag, als ich nichts zu tun hatte und mich kurzerhand dazu entschied Lee zu begleiten und mir selbst ein Bild von einem afrikanisch angehauchten Gottesdienst zu machen. Und so holte ich Lee am Mittag vor ihrer Wohnung ab und gemeinsam liefen wir zu jener Kapelle, an der auch der Weihnachtsgottesdienst für Jugendliche abgehalten worden war. Die Straße vor dem Gebäude war gefüllt mit spielenden Kindern und schwatzenden Frauen und ich musste unwillkürlich an Dokumentationen aus dem Fernsehen denken, in denen Kamerateams durch Dörfer irgendwo in Afrika fuhren und kleine Gemeinden filmten, in denen die lebensfrohen Bewohner ihre Zeit gesellig auf den Straßen verbrachten, statt alleine in ihren Häusern zu sitzen. Hier kam man nicht nur zusammen, um an einem Gottesdienst teilzunehmen, hier trafen sich die Leute, um gemeinsam Zeit zu verbringen, Neuigkeiten auszutauschen und Spass zu haben. Und so herrschte an diesem Sonntagnachmittag eine sehr lebendige Atmosphäre auf der sonnenbeschienenen Straße vor der Kapelle, auf der auch Lee, ihre Bekannte aus den U.S.A. und ich ein wenig abseits standen. Doch trotz der guten Laune und Geselligkeit, kam ich mir ein wenig deplatziert vor: Ich gehörte weder der Gemeinde an, noch kannte ich irgendjemanden. Genau genommen war ich nicht einmal sehr gläubig und besuchte den Gottesdienst nicht aus religiöser Überzeugung, sondern aus Interesse und Neugierde.
Pastor Adodo Bubu lässt sich schwer mit einem Pfarrer, wie man ihn aus Deutschland kennt, vergleichen. Auf mich wirkte er regelrecht einschüchternd, als er hinter dem Rednerpult stand, wild gestikulierte und die Gemeinde anschrie. Aus Deutschland war ich es gewohnt, dass man möglichst ruhig der Predigt lauschte und bereits das Auspacken eines Hustenbonbons die boshaften Blicke der Gemeinde auf sich zog. Dieser Gottesdienst aber war anders: Pastor Adodo Bubu erwartete rege Teilnahme von jedem im Raum und unterbrach seine Predigt sogar für einen Moment, um seinen Unmut an der Gemeinde auszulassen: "Wenn ich in die Gesichter hier blicke sehe ich Ausdruckslosigkeit. Kaum Willenskraft und Enthusiasmus. So will ich keine Predigt halten, das macht keinen Spass. Also macht mit! Wenn ich 'Amen' sage, dann will ich das zehnmal so laut von euch zurückbekommen. Ist das klar!? AMEN!". Die Zuhörer saßen ein wenig beklemmt auf ihren Plätzen und ein leises "Amen.", kam als Antwort. Pastor Adodo Budu schien jeden Moment zu explodieren, als er die Gemeinde anfauchte: "Was war das!? Ich habe gesagt ich will es laut und lebensfroh hören! AMEN!". Ein verhältnismäßig lautes "Amen!" erklang als Echo, doch es war immer noch nicht zu Pastor Adodo Bubus Zufriedenheit und so wetterte er noch einmal gegen die Zuhörerschaft und schrie ihr von Neuem ein "AMEN!" entgegen, auf das dieses Mal auch in ohrenbetäubender Lautstärke geantwortet wurde. Damit war er dann wohl vorerst zufrieden und setzte seine Predigt vor.
Worum es in der Predigt ging, verstand ich allerdings nicht wirklich. Das lag einerseits daran, dass er nur ein gebrochenes Englisch sprach, von dem ich nicht alles verstand, andererseits daran, dass ich seiner Logik nicht folgen könnte. Nachdem er einige Verse aus der Bibel von einzelnen Gemeindemitgliedern vorlesen lies, verlor ich den Faden irgendwo bei einer Geschichte von jemandem, der auf einer Insel strandete, als Heiliger verehrt wurde, an einem Lagerfeuer saß und dann von einer Schlange gebissen wurde, aber auch irgendwie nicht. Letztlich fasste Pastor Adodo Bubu die Kernaussage aber in einem kurzen prägnanten Satz zusammen: "Schekkasaweipaa.". Es herrschte Stille und die Anwesenden nickten zustimmend, während ich versucht zu verstehen, welche wichtige Lektion mir eben mitgeteilt wurde. "Schekkasaweipaa.", wiederholte er und schaute ernst in die Runde. "Wir dürfen uns nicht von ihr kontrollieren lassen. Versteht ihr das? Sprecht mir nach! SCHEKKASAWEIPAA!". Wieder einmal brüllte er die Gemeinde an und mehr aus Angst als Begeisterung spielte ich Echo. So ging es einige Male hin und her: Pastor Adodo Bubu schrie der Gemeinde den Satz entgegen und alle wiederholten ihn angemessen laut. Und irgendwann verstand ich dann auch endlich, was er sagte: 'Shake off the viper', also 'Schüttle die Viper von dir ab' als Anspielung auf die Verse, über die er gepredigt hatte. Wie er aber zu dem Schluss kam, dass dies die wichtigste Aussage der Bibelstelle war, die wir gelesen hatten, konnte ich mir nicht erklären.
Pastor Adodo Bubu hielt sich nicht damit zurück die Gemeinde immer wieder an seinem eigenen Schicksal teilhaben zu lassen. Und so erzählte er immer wieder von wundersamen Erlebnissen in seinem Leben, die seinen Glauben gefestigt hatten und ihn von der Existenz Gottes überzeugt hatten. Zum Beispiel als er als Jugendlicher in Afrika beim Spielen von einer giftigen Schlange gebissen worden war. Obwohl er innerhalb kürzester Zeit gelähmt hätte sein müssen, fand er die Kraft die Schlange zu packen und sie von seiner Ferse abzuschütteln. Eine Kraft, die ihm laut eigener Aussage Gott gegeben habe. Alle saßen da und lauschten aufmerksam, während ich dasaß und mir ein wenig schuldig vorkam, weil ich nicht wirklich überzeugt war von seiner Geschichte. Dennoch murmelte ich ein "Shake off the viper" mit den anderen, als er seinen Lieblingssatz passend zu seiner Anekdote wieder ausgrub. Eine andere Anekdote war jene, als er im Busch von Afrika unterwegs gewesen und von Rebellen entdeckt worden war, die ihn ohne Vorwarnung niederschossen und zum Verbluten liegen ließen. Aber sein Glaube ließ ihn aufstehen und davonlaufen. Vielleicht wäre ich beeindruckter von seinen Erzählungen gewesen, wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, dass er sich selbst als lebendes Wunder Gottes sah. Doch so hatte ich ein wenig das Gefühl, dass jemand versucht rationale Erklärungen für etwas vollkommen irrationales wie Glauben zu finden und saß nur da und lauschte kritisch. Immer wieder musste ich an eine meiner Vorlesungen zur Religions- und Geistesgeschichte Japans denken, in der unsere Professorin über Religionsstifter berichtet hatte, denen allen gemein war, dass sie angeblich unter dem Ärmsten der Ärmsten aufgewachsen waren und Begegnungen mit Gottheiten oder Göttern hatten, die sie in einem Moment der schlimmsten Not besuchten, sie heilten, den Lebenswillen zurückgaben und dazu brachten ihre Lehrer zu verbreiten. Vielleicht war es diese nüchterne, wissenschaftliche Betrachtung von Glauben und die Entlarvung einiger dieser Religionsstifter als Lügner der Grund weshalb ich dem Pastor keine Geschichte überzeugt abkaufte.
Stattdessen faszinierte mich etwas ganz anderes, nämlich die Schilderungen des Pastors von seiner Zeit in Afrika: Die fremde Kultur, das gänzlich andere Lebensgefühl, die für mich so ungewohnte Ordnungslosigkeit und die Allgegenwärtigkeit des Todes. Es war ein seltsames Gefühl darüber nachzudenken wegen welcher Kleinigkeiten und Belanglosigkeiten man sich hierzulande aufregt und beschwert, während auf der anderen Seite der Welt hinter jeder Ecke der Tod wartet. Sei es in Form einer giftigen Schlange oder eines bewaffneten Rebellen. Und so kritisch ich Glaube und Religiosität auch gegenüberstehe, ein wenig konnte ich verstehen, warum man ausgerechnet in solchen Lebensverhältnissen einen starken Glaube und eine ungeheure Positivität entwickelt: Um all den Gefahren zu trotzen und überhaupt ein glückliches Leben führen zu können. Vielleicht hat unsereiner bereits verlernt positiv in die Zukunft zu blicken, weil wir bereits so sehr in Wohlstand und Glück leben und es uns so gut geht, dass wir es nicht mehr zu schätzen wissen und uns lieber über Kleinigkeiten und Nichtigkeiten aufregen. Ich denke jeder weiß um diese Begebenheiten in einigen Gegenden in Afrika, ich wußte es vorher auch, aber ich habe es höchstens mit einem distanzierten Beileid und Mitgefühl hingenommen. Doch es fühlt sich so viel ernster und bedrohlicher an, wenn man einmal aus erster Hand diese Geschichten erzählt bekommt und Menschen sieht, die all dies miterlebt haben, und nicht nur ein paar flimmernde Bilder im Fernseher oder ein paar Fotos in einer Zeitschrift betrachtet.
Nach dem Gottesdienst verließ ich mit Lee die Kapelle und gemeinsam liefen wir noch eine Weile durch Soka. Ich hatte erst einmal genug von Gottesdiensten und Predigen und schlug Lees Angebot für den anschließenden Jugendgottesdienst dankbar ab. Auf die Frage wie ich den Gottesdienst von Adodo Bubu fand, musste ich eine Weile überlegen, ehe ich ganz ehrlich antwortete: "Faszinierend.". Es war, als wäre ich für die letzten Stunden in eine fremde Kultur eingetaucht. Nicht der Gottesdienst an sich hatte mich fasziniert, es waren die Menschen und ihre Erzählungen, die mich zum Nachdenken über Lebensgefühl, Optimismus und fremde Kulturen gebracht hatten. Aber ich bin mir sicher, dass jeder Besucher etwas anderes gefunden hätte: Der Eine einen tiefen Glauben, der Nächste das Gefühl der Zugehörigkeit, andere vielleicht einfach nur oberflächliche Belustigung. Und so ging ich in Gedanken verloren zurück zum Wohnheim, schaute in meinem Kopf ein wenig über den Tellerrand unserer westlichen Kulturen und ließ die Erlebnisse des Tages auf mich einwirken. In meinem Kopf hallte noch immer der Spruch "Shake off the viper" wider und der Gesang der afrikanischen Frauen, die voller Lebensfreude ihren Glauben auslebten, begleitet mich bis in meine Wohnung.

Bild1: Der Raum, in dem die Gottesdienste abgehalten wird. Wie erwähnt, sieht man überwiegend dunkelhäutige Besucher im englischen Gottesdienst.

Bild2: Man erahnt auf dem Bild etwas von der Lebensfreude und dem Enthusiasmus, mit dem die Teilnehmer des Gottesdienstes ihren Glauben ausleben.