Es ist Tag 93 in Japan und seit rund eineinhalb Monaten hatte ich mit dem Gedanken gespielt Lee einmal zu einem japanischen Gottesdienst zu begleiten (
Lebensfrohe Menschen). Und da heute ein weihnachtlicher Jugendgottesdienst stattfand, zu dem insbesondere Neulinge herzlich eingeladen waren, ließ ich mich von Lee überreden am Abend mit ihr gemeinsam dorthin zu gehen. Allerdings war der Gottesdienst nicht auf Englisch, wie ich mir erhofft hatte, sondern auf Japanisch. Da aber Lee offensichtlich immer Spass in diesen Gottesdiensten gehabt hatte, nahm ich an, dass die Sprachbarriere kein besonders großes Problem darstellen würde und ließ mich von Lee gegen 18.30 Uhr im Wohnheim abholen, um gemeinsam mit ihr eimal quer durch Soka zur Kirche zu laufen.
Unterwegs verriet Lee mir dann, dass sie sonst eigentlich immer zu einer anderen Gruppe gegangen sei und nur speziell für diesen Jugendgottesdienst in eben jene Kirche eingeladen worden war, zu der wir gerade unterwegs waren. Somit war dieser Abend auch für Lee eine vollkommen neue Erfahrung und ich war erleichtert nicht als Einziger ins kalte Wasser zu springen. Dennoch hatte ich einige Bedenken nach so vielen Jahren wieder in die Kirche zu gehen, schließlich fühlte ich mich nicht als religiöser Mensch und kannte mich mit den verschiedenen Phrasen, die man in der Kirche immer zu sagen hatte, nicht sehr gut aus. Ich hoffte darauf, dass ich als Ausländer ein wenig aus der Verantwortung genommen werden würde alles mitsprechen zu müssen, obwohl ich eigentlich genau wußte, dass alle Augen auf mich gerichtet sein würden, gerade weil ich ein fast zwei Meter großer Deutscher war. Nach rund fünfundzwanzig Minuten erreichten wir schließlich die Kirche und sahen am Eingang eine kleine Schar von Menschen stehen, die sich unterhielten oder ein wenig verlassen in der Gegend herumstanden. Und so gesellten sich Lee und ich zu den Menschen vor der Tür und trauten uns nicht weiter. Es mag ein wenig lächerlich erscheinen, aber wir hatten beide Angst vor dem Unbekannten und standen fast zwei Minuten lang im Freien herum. Eigentlich war es keine Kirche wie ich sie aus Deutschland kannte, vielmehr war es ein ganz normales Gebäude mit einem kleinen Flur, angrenzenden Räumen und einer Wendeltreppe nach oben. Möglicherweise war es diese "Vertrautheit", die mich abschreckte, denn wir konnten uns nicht einfach anonym in die letzte Reihe einer Kirche setzen, sondern mussten uns für jeden sichtbar in die Gemeinschaft einfügen. Irgendwann überwanden wir dann unseren inneren Schweinehund und gingen gemeinsam in das Gotteshaus.

Bild1: Die "Riverside Chapel", in der wir den weihnachtlichen Jugendgottesdienst besuchten.
Bild2: Ein Blick auf das Gebäude, in dem der Gottesdienst stattfand. Das Kreuz über dem Gebäude verkündet recht offensichtlich, dass es sich um eine christliche Kirche handelt, von denen es in Japan nur sehr wenige gibt.
Bild3: Der Eingang zur "Riverside Chapel", vor dem Lee und ich zwei Minuten lang unentschlossen warteten.
Sogleich begrüßte uns ein junger Japaner, den Lee offensichtlich aus der anderen Gruppe kannte. Er freute sich sichtbar darüber, dass Lee gekommen war und auch gleich einen Freund mitgebracht hatte. Glücklicherweise sprach er sehr gutes Englisch und ich hütete mich davor kund zu tun Japanisch sprechen zu können, um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen mir alles zehnmal wiederholen zu lassen, weil ich nichts verstand. Der Japaner führte uns nach oben und besorgte uns Namensschilder, auf die wir wie schon so oft unseren Namen schrieben und sie an unsere Brust hefteten. Dann wurden wir verschiedenen anderen Menschen vorgestellt: Erst einmal einer anderen Amerikanerin, die Lee offensichtlich auch schon kannte, dann ein scheinbar indisches Mädchen, dass fließend Englisch sprach. Als ich sie fragte, wo sie herkäme, lächelte sie mir zu und antwortete "Japan.". Da ich sie nicht unbedingt auf ihr Aussehen ansprechen wollte, schaute ich nur ein wenig verwundert und bemerkte, dass sie aber sehr flüssig Englisch sprach, was für Japaner ihres Alters höchst ungewöhnlich war. Da lächelte sie nur wieder und sagte, dass sie es von ihrer Mutter gelernt hätte, womit ich das Thema dann auf sich beruhen lies. Schließlich gingen wir in den angrenzenden Saal, wo Lee, ich und die andere Amerikanerin in der letzten Reihe Platz nahmen. Nicht etwa weil wir uns abgrenzen wollten, nein, sondern weil dort der gesamte Gottesdienst eigens für uns ins Englische übersetzt wurde.
Als allererstes überraschte es mich, dass sich alle Anwesenden die Schuhe auszogen. Lee und ich taten es den anderen gleich und hofften einfach nicht aufzufallen. Ein junger Japaner ging auf die Bühne, begrüße alle recht locker und kündigte zunächst ein Spiel an. Die Blicke von Lee und mir sprachen Bände, als wir unsere Hoffnung für ein unauffälliges Dasein schwinden sahen. Ein Spiel wollte eigentlich keiner von uns spielen, hatten wir doch eher erwartet stumm einem Gottesdienst folgen zu können. Natürlich waren wir aber keine Spielverderber und ließen uns die Regeln für das "McDonalds"-Spiel ins Englische übersetzen. Im Großen und Ganzen ging es darum, dass alle Anwesenden auf Anweisung eines Spielleiters bestimmte Handlungen ausführen mussten. Mal musste man auf die eine Seite des Raums rennen, mal auf die andere. Mal musste man sich mit zwei, drei oder vier Personen an den Händen fassen oder andere Figuren bilden, mal in einer langen Reihe aufstellen. Alles hatte ich nicht verstanden, aber ich rannte einfach tapfer mit und hatte erstaunlich viel Spass. In jeder Runde mussten ein oder zwei Personen die Menge verlassen, die keinen Partner gefunden hatten oder ganz am Ende der Schlange standen und letztlich schaffte ich es bis ins letzte Drittel, bevor ich mich beim Bilden der Schlange ganz am Ende fand und mit einem Lächeln und Schulterzucken auf meinen Platz ging und mich neben Lee setzte.
So wie das Eröffnungsspiel verlief dann auch der Rest des Gottesdienstes: Locker, lustig, interaktiv und gesellig. Das scheinbar indische Mädchen vom Anfang entpuppte sich als Sängerin, die begleitet von einem Gitarristen, einem Schlagzeuger, einer Geigenspielerin und einem Hintergrundsänger alle Lieder des Abends darbot. Bis auf "Stille Nacht, heilige Nacht" kannte ich keines der Lieder, dennoch sang ich alle japanischen Lieder mit, denn der Text wurde netterweise immer an die Wand geworfen. Und auch Lee, die sich sonst immer dagegen wehrt in Gegenwart anderer zu singen, sang leise neben mir die japanischen Texte mit. Immer wieder wurde das Verhältnis zwischen Jenen, die darboten und Jenen, die zuhörten gebrochen, sei es durch Lieder, durch Fragen in den Raum, Videos oder durch Spiele. Und so wurde sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle Spass hatten und durch Lachen und Mitarbeit bei Laune gehalten wurden. Selbst als der japanische Pfarrer seine Predigt hielt, hätte man eher meinen können, man hätte einen Schauspieler vor sich, der mit seinem Enthusiasmus, seinen Witzen und schauspielerischen Einlagen das Publikum stets unterhielt und zum Nachdenken anregte. Auch wenn er über eine halbe Stunde sprach, flog die Zeit doch wie im Flug vorbei und es kam nicht jene Langeweile auf, die ich aus meinen Besuchen von deutschen Gottesdiensten kannte. Zwar übersetzten der junge Japaner vom Anfang, sowie das scheinbar indische Mädchen die ganze Zeit über simultan, aber eigentlich hätte ich sie gar nicht gebraucht, denn ich verstand fast alles, was gesagt wurde. Vielleicht lag es daran, dass den gesamten Gottesdienst über "normal" gesprochen wurde, also weder der Jugendslang, den ich von Tak und seinen Freunden gewohnt war, noch das übertriebene Servicejapanisch von all den Angestellten. Und so war ich nicht nur glücklich weil ich so viel Spass hatte, sondern auch weil ich bemerkte, dass ich Japanisch wohl doch schon recht gut beherrschte.
Zum Abschluss der zweistündigen Veranstaltung wurde zunächst ein großes Gruppenfoto gemacht, dann erhielt jeder einen Zettel mit zwölf Fragen, die er ehrlich beantworten musste. Beispielsweise nach dem Lieblingsessen, nach dem Lieblingstier, Hobbys oder anderen Vorlieben. Dann ging man umher und gleichte seinen Zettel mit anderen ab, um Freunde mit ähnlichen Interessen kennenzulernen. Anders als bei den Veranstaltungen an der Dokkyo-Universität, wurde ich diesmal nicht von einer Horde junger Japanerinnen überrannt, sondern gleichermaßen von interessierten Japanern und Japanerinnen nach meinen Interessen gefragt. Danach verließen alle den Raum, in dem der Gottesdienst stattgefunden hatte und liefen ins angrenzende Gebäude, wo ein gemeinsames Essen vorbereitet worden war. Vor der EIngangstür zogen wieder alle die Schuhe aus, dann stiegen alle in einen kleinen Saal hinauf. Dort gab es zwei kleine Buffets, an denen sich alle bedienen durften, während man mit den anderen ins Gespräch kam. Lee und ich klebten den ganzen Abend über aneinander und kamen mit erstaunlich vielen netten Japanern ins Gespräch, was für uns beide ungewohnt ist, sind wir doch beide eher schüchtern. Einige der anwesenden Japanerinnen kannten Lee bereits aus der anderen Gruppe und hatten sich wohl schon einige ihrer Fotos im Internet angesehen, weshalb an dem Abend mehrere Japanerinnen auf mich zukamen und interessiert fragten, ob ich denn nicht der "Deutsche mit den Plätzchen" sei, was mich jedes Mal von neuem zum Lachen brachte. Insgesamt waren alle Anwesenden sehr nett und aufgeschlossen und hörten sehr interessiert zu, wenn Lee oder ich von den U.S.A. oder Deutschland erzählten. Sie stellten interessiert Fragen zu unseren Erfahrungen in Japan, unserem Sprachkurs und allen möglichen anderen Dingen. Besonders überraschte es mich, als eine Japanerin auf mich zukam, mich kurz anschaute und dann fragte: "Bist du nicht ein Freund von Tak?". Zunächst war ich vollkommen perplex, weil ich gar nicht verstehen konnte, wie jemand aus heiterem Himmel von Tak wissen konnte, bis ich herausfand, dass alle in Lees Fotoalbum im Internet Bilder von Tak und mir gesehen hatten. Und so bejahte ich immer und fragte interessiert, woher die anderen Tak kannten. Und immer erhielt ich die gleiche Antwort: "Als ich noch im ersten Semester war, hat Tak mir viel geholfen und mich unterstützt. Er hat mir immer Sprachtraining gegeben und mich motiviert mit anderen zu sprechen.". Ich hörte dann immer interessiert zu und nickte beipflichtend, während ich innerlich feststellte, wie klein die Welt doch war.

Bild4: Lee ist von den gebastelten Schneeflocken begeistert, die über der Treppe zum erste Stockwerk des Nebengebäudes hingen.
Bild5: Lee zieht die Schuhe an, die wir alle vor dem Betreten des Nebengebäudes ausgezogen haben. Ja, die Schuhe standen für rund zwei Stunden im Freien herum und jeder hätte sie mitnehmen können.
Bild6: Das Werbeschild für die "Riverside Chapel" mit Kontaktnummer.
Um halb elf verließ ich schließlich mit Lee das gemütliche Beisammensein und wir liefen durch das nächtliche Soka zurück zum Wohnheim. Wir waren beide der Meinung, dass dies ein sehr schöner Abend war, auch wenn wir beide anfangs doch sehr angespannt waren. In der Nähe des Bahnhofs machten wir halt und fotografierten die weihnachtliche Dekoration, schließlich war mittlerweile bereits der dritte Advent. Dann schlenderten wir weiter und unterhielten uns noch lange über Religion und Gottesdienste in unserem Land, sowie über den Wert von Freundschaft. Und als wir schließlich am Wohnheim ankamen, waren wir mit unserer Freundschaft wieder einen Schritt vorangeschritten. Und vielleicht gehen wir bald schon wieder gemeinsam in einen japanischen Gottesdienst.
Bild7: Die geschmückte Allee, die vom Bahnhof "Matsubara Danchi" in Richtung der Universität führt.
Bild8: Japanische Weihnachtsdekoration, nahe des Bahnhofs.
Bild9: Ein weiteres Bild von der Weihnachtsdekoration in der unmittelbaren Umgebung des Bahnhofs.