Freitag, 27. März 2009

Westwärts

Bald schon bekomme ich Besuch aus Deutschland, weshalb ich bereits seit einiger Zeit an einem mannigfaltigen Programm bastele, um möglichst viele Facetten Japans zu präsentieren. Schon zu Beginn meines Japanjahres hatte ich mir vorgenommen mindestens einen längeren Ausflug zu unternehmen, um einmal aus dem Großraum Tokyo herauszukommen und andere Teile Japans zu sehen, wozu sich der Besuch meines Freundes hervorragend anbot. Und so entschied ich schon vor Wochen gemeinsam mit meiner Freundin Ninja, die auch hier in Tokyo studiert, und meinem Freund Dominic aus Deutschland Urlaub im Westen Japans, genauer in Kyoto, zu machen. Die Idee des Ausfluges erfreute sich bei uns Dreien großer Beliebtheit, schließlich ist Kyoto überaus bekannt für seine vielen Tempel und Schreine und bietet sich hervorragend an Japan aus einer kultureller und etwas traditioneller Sicht zu sehen. Doch leider ging es in en letzten Wochen selten über die Vorfreude hinaus und die Idee von einem Ausflug in die Kulturhauptstadt drohte an mangelnder Planung zu scheitern, weshalb ich die Zügel in die Hand nahm und den in nur knapp zehn Tagen geplanten Ausflug begann zu realisieren. Und so verging viel Freizeit damit sich bei Freunden über Kyoto zu erkundigen: Wie man anreisen könnte, was man sich ansehen sollte, wo man unterkommen könnte und wie lange man bleiben sollte. Insbesondere mit Ayano verbrachte ich in diesen Tagen viel Zeit über das Internet, da sie mir zahlreiche Tipps gab und Hilfestellung bei den zahlreichen japanischsprachigen Internetseiten bot. Und so formte sich allmählich das Bild eines Urlaubes in Kyoto für Mitte März.
An Tag 167 in Japan erhielt ich aber erst einmal ganz andere Kunde aus dem Westen, denn es kam ein Paket meiner Mutter an, das eigentlich für meinen Geburtstag gedacht war, der nun schon über einen Monat zurücklag. Bereits seit Mitte Januar hatte ich täglich auf das Paket gewartet und nach knapp sechs Wochen Versand resigniert angenommen, dass das Paket wohl verloren gegangen wäre, bis es heute vollkommen unerwartet doch noch ankam, nach über acht Wochen. Und als wäre dies nicht schon genug Grund zur Freude kam am gleichen Tag auch noch ein Brief aus Deutschland an. Und so hatte ich gleich doppelten Grund zur Freude: Einerseits über die (verspäteten) Geburtstagsgrüße, andererseits über herzliche Worte zu meinem Blog.


Bild1: Das Geburtstagspaket meiner Mutter ist nach acht Wochen Versand endlich angekommen.


Während ich am Abend dann wieder vertieft in meine Internetrecherche zu günstigen Anreisemöglichkeiten für Kyoto war, klingelte es und Florian aus Bremen stand unerwartet vor der Tür. Wie sich herausstellte war auch er im Begriff in den Westen zu ziehen. Allerdings nicht für einen Urlaub, sondern für eine Praktikumsstelle in Kyoto. Und so half ich wo ich nur konnte, indem ich ihm für den Abend meinen Internetzugang zur Verfügung stellte und mich bereit erklärte am nächsten Tag auf sein Gepäck aufzupassen, während er nach seinem Auszug noch einiges mit der Wohnungsagentur regeln musste. Und während Florian spät abends in der Küche an seinem Laptop saß und übers Internet letzte Vorbereitungen für seinen Umzug nach Kyoto traf, saß ich in meinem Zimmer und wälzte meinen Reiseführer. Doch eigentlich waren meine Gedanken ganz woanders: Wer würde nächstes Semester überhaupt noch im Sprachkurs sein? Viele meiner deutschen Freunde kehrten entweder zurück nach Deutschland, beispielsweise Katharina, oder zogen für ein Praktikum um, wie Florian oder Michael aus Bremen. Von den Ergebnissen des Abschlusstestes hatte ich bis dato noch nichts gehört, weshalb ich nicht einschätzen konnte, ob alle übrigen den Sprachkurs bestanden hatten und mit mir nächstes Semester vom Mittel- in den Oberkurs wechseln würden.


Bild2: Florian aus Bremen an seinem letzten Abend in Soka, bevor er am nächsten Tag nach Kyoto umziehen wird.


Bevor Florian spät abends in seine Wohnung zurückkehrte, nutzte ich die Gelegenheit, um ihn noch einmal ausgiebig zu Kyoto zu befragen, schließlich war er bereits mehrfach dort gewesen und hatte sich für seinen Umzug ausgiebig über Anreise- und Unterkunftsmöglichkeiten informiert. So standen wir noch eine Weile lang in der Küche und sprachen. Als ich mich dann ins Bett legte, konnte ich nicht sofort einschlafen, zu sehr machte ich mir Gedanken über den nahenden Urlaub in Kyoto, der noch planlos in der Luft hing. Und so schmiedete ich mit den zahlreichen Informationen, die ich in den letzte Tagen gesammelt hatte, weiter an den Plänen für den Aufenthalt in Kyoto, bis ich irgendwann einschlief.

Brennbar oder nicht. Das ist die Frage.

Mülltrennung gehört zu jenen Dingen, die ich schon immer gewissenhaft betrieben habe. Aufmerksam habe ich stets alles aussortiert, was einen grünen Punkt hat, habe niemals Batterien in den Restmüll geworfen, habe mein Flaschen gesammelt und nach Farbe sortiert in die dafür vorgesehenen Glascontainer entsorgt und hatte immer einen speziellen Platz für den Papiermüll. Manchmal muss ich meine Mitmenschen mit meiner konsequenten Mülltrennung wohl ein wenig gereizt haben, wenn ich wieder einmal mahnend darauf hinwies, dass die Verpackung der Frühstücksflocken einen grünen Punkt hat, Verpackungsfolie nicht in den Restmüll gehört und man das Etikett von Pfandflaschen nicht beschädigen sollte, damit man sie problemlos im Supermarkt um die Ecke wieder zurückgeben kann. So habe ich mir meine kleine Welt aufgebaut, in der jede Form von Müll ihren festen Platz hatte, zumindest bis ich nach Japan kam und sich alles wieder änderte.
Mülltrennung. Das war eine jeder Sachen, über die ich mir nie Gedanken gemacht hatte, bevor ich nach Japan kam. Weder hatte ich angenommen, dass es wie in Deutschland sein würde, noch hatte ich mich auf ein vollkommen neues Müllsystem vorbereitet. Und hätte ich nicht an meinem ersten Tag in Japan von der Wohnungsagentur einen Zettel mit einer ausgiebigen Erläuterung des japanischen Entsorgungssystems erhalten, hätte ich nach einigen Tagen wohl vollkommen ratlos vor dem Müllplatz gestanden und nicht gewusst wofür die verschiedenen Boxen und Nischen gedacht sind. Und noch heute erinnere ich mich an den schlecht kopierten Zettel, den ich mir an meinem ersten Tag in Japan nachmittags zur Hand nahm und aufmerksam betrachtete, um die ausführlichen Grafiken und Anmerkungen zu verstehen, die das japanische Entsorgungssystem verständlich machen sollten. Dabei lässt sich das japanische Entsorgungssystem auf eine recht simple Frage reduzieren: Brennbar oder nicht.
In der Praxis spiegelt sich dies folgendermaßen wider: Man steht vor einem Haufen Müll, sortiert jene Dinge aus, die als "nicht brennbar" deklariert wurden und packt alles Übrige in eine Mülltüte. Gemessen an unserem recht ausdifferenzierten deutschen System der Mülltrennung ist die japanische Grenze zwischen "brennbar" und "nicht brennbar" nicht immer logisch nachzuvollziehen, aber dennoch simpel zu erklären. So gelten folgende Dinge als "nicht brennbar": Glas und Getränkedosen. Diese werden gesondert in Boxen gesammelt, ebenso Plastikflaschen und Batterien. Eine Ausnahme bilden auch fortlaufende Zeitschriften und Zeitungen, die gesammelt und als Paket zusammengeschnürt neben der herkömmlichen Müll gestellt werden. Ein wenig erinnert dies an unser Pfandsystem für Plastikflaschen und Getränkedosen. Und auch Glas und Batterien werden bei uns gesondert entsorgt. Hier hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf, denn alles Übrige wird wild durcheinander in Plastikbeutel gepackt, ganz gleich ob es Plastikverpackungen, Taschentücher, Papierzettel, zerbrochen Teller oder Essensreste sind. Und gerade Letztere bieten immer einen willkommenen Anlass für Krähen, um forsch an den Müllplätzen zu sitzen und Tüten aufzupicken, denn so wie man bei uns in den Fußgängerzonen Tauben trifft, sieht man in japanischen Wohngebieten Krähen, die unentwegt Ausschau nach Essen halten. Deshalb werden in Japan für gewöhnlich Netze über die Müllsäcke gespannt, um zu verhindern, dass gierige Krähen Tüte nach Tüte aufpicken und den Inhalt in der Straße verteilen. Einige Male habe ich es bereits erlebt, dass eines jener Netze nicht ordnungsgemäß befestigt wurde, was meist unweigerlich das folgende Szenario nach sich zog: Krähen, die sich um aufgerissene Mülltüten in Einfahrten und auf Straßen versammelten und lauthals um Essensreste stritten.


Bild1: Ein Blick auf den Müllplatz vor dem Wohnheim. Links stapeln sich die mit einem Netz abgedeckten Mülltüten, die mit "brennbarem" Müll gefüllt sind, rechts sind die großen Boxen, in denen jeweils Plastikflaschen, Getränkedosen oder Glas gesammelt wird. Im Vordergrund kann man schemenhaft eine Krähe sehen, die gerade davonfliegt.


Es ist nicht immer leicht sich mit der japanischen Mülltrennung zurechtzufinden. So habe ich bis heute immer das Problem, dass ich nie so recht weiß, wie ich beispielsweise Thunfischbüchsen entsorgen soll. Man könnte annehmen, dass sie zu den Getränkedosen zählen, schließlich sind sie ebenso aus Aluminium hergestellt. Doch bisher habe ich noch nie eine Konservendose bei den Getränkedosen gesehen und zugegebenermaßen gibt es bei uns auch nur Pfanddosen und keine Pfandkonserven. Somit werfe ich Konservendosen immer in den brennbaren Müll, obwohl sie eigentlich nicht brennbar sind. Ebenso verwirrend finde ich die konsequente Aussortierung von Plastikflaschen, obgleich alles andere aus Plastik zum übrigen Müll geworfen wird. Und ganz verwirrt bin ich immer, wenn es irgendwo ein ganz anderes System zur Mülltrennung gibt, wie beispielsweise in dem Café, in dem ich mich vor einigen Tagen mit Ayano getroffen hatte. Dort wurde nämlich alles getrennt, vom Strohhalm, über den Pappbecher, dessen Plastikabdeckung, die Serviette, bis hin zu Essens- und Getränkeresten. Was sich sehr umweltfreundlich anhört, überforderte mich allerdings vollkommen, da ich nur vor einem Tisch mit rund einem dutzend kleinen Öffnungen stand, die alle mit unverständlichen Schriftzeichen plakatiert waren, was mich letztlich dazu brachte alles in einen großen Sammelmüll mit der Aufschrift "brennbar" zu werfen, was dem Inhalt des Beutels zufolge auch fast alle Kunden vor mir so getan hatten.
Egal ob man das Müllsystem in Japan nun gut oder schlecht findet, man muss den Japanern eines lassen: Konsistenz. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo man trotz der ausgefeilten Mülltrennung noch ziemlich häufig öffentlich Mülleimer findet, in die man einfach alles wirft, habe ich in Japan noch keinen einzigen Universalmülleimer gesehen. Wo ich auch hingehe, es findet sich immer mindestens die Dreiteilung, die ich anfangs beschrieben habe: Glas, Plastikdosen und "brennbar". Und zu meinem Erstaunen wird dies auch oft penibel eingehalten. Vielleicht gibt es ein anderes Empfinden für Müll in Japan, als bei uns, denn obwohl es weitaus weniger Mülleimer in Japan gibt, findet man kaum Müll auf japanischen Straßen oder öffentlichen Plätzen. Liegt dies daran, dass man in Japan weniger Müll produziert? Hängt dies mit den vielen öffentlichen Putzkräften zusammen, die unentwegt die Straßen sauber halten? Ich kann es nicht sagen, aber eine Szene ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Als ich einen Tempel besuchte, sah ich eine Plastikverpackung über den Boden fliegen. Und als ich noch darüber nachdachte, ob ich sie aufheben und wegwerfen sollte, kam ein japanischer Jugendlicher aus einiger Entfernung angelaufen, hob die Plastikverpackung, die ganz sicher nicht von ihm war, auf und warf sie in einen Mülleimer, bevor er zurück zu seinen Freunden lief.

Mittwoch, 18. März 2009

Tempelleben

Es ist Tag 163 in Japan und zu meiner Überraschung kamen heute Katharina und Lee auf mich zu, um zu fragen, ob wir uns nicht gemeinsam einen Tempel in Tokyos Stadtteil Asakusa anschauen wollten. Und da ich ohnehin wieder einmal etwas unternehmen wollte, willigte ich ein und freute mich auf den Ausflug zur Mittagszeit. Als wir schließlich in Asakusa angekommen waren, hetzte Katharina leider dermaßen schnell durch die überfüllten Straßen, dass Lee und ich bald schon alleine vor dem großen Tempelgebäude standen und Katharina nicht mehr finden konnten. Und so wurde aus dem Ausflug zu dritt eine überschaubares Touristenduo, bestehend aus Lee und mir. Mehrere Stunden liefen wir über das Tempelgelände und durch die Einkaufsstraßen, die sich rund um den Touristenmagneten angesammelt hatten, und genossen einen frischen, aber sonnigen Tag, bevor wir am späten Nachmittag wieder zurück nach Soka fuhren.


Bild1: Die überfüllte Einkaufsstraße auf dem Weg zum Sensou-Tempel, dem ältesten Tempel Tokyos, der sich im Stadtteil Asakusa befindet. Zwischen den Läden, in denen massenweise Andenken und Souvenirs angeboten werden, herrscht ein dichtes Gedränge, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass Lee und ich Katharina aus den Augen verloren.


Bild2: Ein Blick auf das beeindruckende Eingangstor des Sensou-Tempels. Zwischen den äußeren Pfeilern befinden sich riesige Statuen. Von der Decke der Mitte des Tores sieht man drei große Laternen herabhängen.


Bild3: Nach dem Durchschreiten des Tores blickt man direkt auf den Sensou-Tempel, sowie verschiedene Gebäude, die zum Tempelkomplex gehören.


Bild4: Die riesige Pagode ragt inmitten des Tempelgeländes in die Höhe.


Bild5: Für einhundert Yen, knapp Achtzig Cent, kann man an einem Tempelgebäude omikuji erwerben, kleine Orakelzettel. Diese prophezeien für verschiedene Bereiche des Lebens Glück oder Unheil. Den Orakelzettel kann man dann an nahegelegene Dinge knoten, meist Bäume, Sträucher oder, wie auf diesem Bild, bereitgestellte Gitter.


Bild6: Auf dem Vorplatz des Tempels steht ein Stand an dem man Räucherstäbchen anzünden kann.


Bild7: Dieser kunstvolle Brunnen ist nicht nur zur Zierde da, sondern dient zur rituellen Reinigung. Dennoch betritt fast jeder den Tempel ohne sich hier vorher die Hände gewaschen zu haben.


Film1: Im Inneren des Tempels konnten Besucher beten und Münzen in ein Becken werfen. Und so war die Halle ständig mit dem Geräusch von aufprallenden Münzen gefüllt.


Bild8: Ein ungewohnter Anblick für uns Europäer, aber in Japan vollkommen normal: Geschäfte mitten im Tempel. Dies hängt damit zusammen, dass sich japanische Tempel und Schreine mit dem Verkauf von beispielsweisen Amuletten und Souvenirs selbst finanzieren müssen. Etwas Vergleichbares zu Kirchensteuer gibt es in Japan nicht.



Bild9: Eine Buddha-Statue im Garten des Sensou-Tempels. Die typischen Handgesten nennen sich Mudras und haben wichtige Bedeutungen. Wer sich verschiedene Statuen und Abbildungen anschaut wird die verschiedensten Mudras entdecken.


Bild10: In einem Gartenteich schwammen rund ein dutzend Koi-Karpfen. Besonders eindrucksvoll war ein vollkommen goldfarbener Karpfen, den man auf diesem Bild in der Mitte schwimmen sieht.


Bild11: Ein Bild von Lee vor der Kulisse eines kleinen Wasserfalls.


Bild12: Ein Blick auf eine der vielen, kunstvollen Schnitzerei des Sensou-Tempels und der angrenzenden Gebäude. Das goldene Symbol in der Mitte ist übrigens kein Hakenkreuz, sondern ein buddhistisches Zeichen für Ewigkeit. Im Gegensatz zum Hakenkreuz sind die Haken dieses Symbols nämlich gegen den Uhrzeigersinn gerichtet.


Bild13: Etwas abseits des Trubels gab es eine ganze Reihe von alten Steinen und Statuen, die mit Schriftzeichen übersät waren. Den Text konnten weder Lee noch ich lesen und es gab bedauerlicherweise auch keine Übersetzungen. Ich vermute aber, dass es sich um so alte Schriften handelte, dass auch kaum ein Japaner im Stande gewesen wäre das Geschriebene zu entziffern.


Bild14: Zum Ausklang unseres Besuches des Sensou-Tempels in Asakusa, liefen Lee uns ich durch die angrenzenden Einkaufsstraßen, die man in der Nähe von Sehenswürdigkeiten nie lange suchen muss. Da Lee in knapp einer Woche in die U.S.A. zurückflog, nutzte sie die Gelegenheit, um für ihre Familie ein paar Andenken zu kaufen.


Bild15: Auf diesem Bild sieht man nicht etwa eine japanische Geisha und einen Samurai, sondern zwei Männer, die sich traditionell japanisch verkleidet haben. Dies kann mitunter auch eine Kunstform sein, war in diesem Falle allerdings eindeutig ein Spass, um die Passanten zu belustigen.


Bild16: Zum Abschluss ein Bild, das sehr gut die Kontraste der japanischen Jugend hervorhebt: Im Vordergrund eine Gruppe von japanischen Jugendlichen in moderner Straßenkleidung, die für ein Foto posieren, während sich im Hintergrund eine Gruppe von Mädchen für den Sonntagsspaziergang Kimonos, traditionelle, japanische Kleidung, angezogen hat. Beide Gruppen wurden von den Passanten gleichermaßen betrachtet und fotografiert.

Dienstag, 17. März 2009

Perspektiven und Sichtweisen

Das ist eine gute Idee, dachte ich mir, als Ayano mich übers Internet fragte, ob wir uns nicht einfach auf einen Kaffee treffen wollten. Schon seit Tagen verbrachte ich meine Zeit damit mich mit Freunden und Familie auf verschiedenen Wegen übers Internet zu unterhalten, weshalb mir ein persönliches Treffen eine willkommene Abwechslung war. Darum zog ich mich an, schnappte mir mein Portemonnaie und lief zum Bahnhof von Soka, wo ich mich mit Ayano in einem Buchladen verabredet hatte.
Es dauerte nicht lange und zwischen Reiseführern und Zeitschriften traf ich auf Ayano, die mir freudig entgegen winkte. Gemeinsam verließen wir den Buchladen und betraten ein nahegelegenes Café, setzten uns an einen kleinen Tisch am Fenster und bestellten einen Kaffee. Ayano ließ eine Wirtschaftszeitung auf den Tisch fallen, die sie sich eigens für ihre Bewerbungsgespräche gekauft hatte, um auf dem Laufenden zu sein und etwas über die aktuelle Politik sagen zu können. "Was passiert denn momentan in der Politik Japans?", fragte ich neugierig nach, woraufhin Ayano die Zeitung aufschlug und mir ein Bild des japanischen Ministerpräsidenten und Wirtschaftsministers zeigte. "DIE sind mal wieder in den Schlagzeilen.", sagte sie knapp und deutete mit dem Finger auf das Bild. "Ich finde unsere Politiker so peinlich. Die haben ständig irgendwelche krummen Dinger am Laufen. Und wenn es dann auffliegt, entschuldigen sie sich öffentlich und heulen vor den Fernsehkameras. Als ob das irgendetwas ändern würde. Bestimmt lacht das ganze Ausland über die japanischen Politiker.". "Ich glaube in Deutschland könnte kaum irgendjemand den Namen des japanischen Ministerpräsidenten nennen. Ich denke einige wissen nicht einmal wer momentan Bundeskanzler von Deutschland ist. Vor allem junge Leute verlieren in Deutschland das Interesse an Politik.", antwortete ich und schlürfte an meinem Kaffee. "Wirklich? Nun, hier in Japan ist es ähnlich. Viele junge Leute wählen nicht mehr und verlieren gänzlich das Vertrauen in die Politik. Ausländische Politiker kennen viele auch nicht mehr. Aber immerhin weiß ich, dass die deutsche Bundeskanzlerin Merkel heißt. Und davor war Schröder.". Erstaunt schaute ich Ayano an. "Du kennst wirklich die Namen der deutschen Bundeskanzler? Das überrascht mich. Ist Deutschland aus japanischer Sicht nicht einfach nur ein irgendein Land auf der anderen Seite des Globus?" "Zugegebenermaßen, ja. Ich kenne mich mit Deutschland auch nur ein wenig aus, weil meine Schwester deutsch lernt und ein Auslandsjahr in Deutschland verbracht hat. Sonst wüsste ich auch nichts. Schließlich hat Japan kaum wirtschaftliche Beziehungen nach Europa und alles was der gewöhnliche Japaner mit Deutschland in Verbindung bringt sind Würste, Bier und das Oktoberfest.". "Ja, das habe ich auch schon gemerkt. Und erstaunlich viele junge Japaner sprechen mich auch immer wieder auf die Autobahnen ohne Tempolimit an.". Ayano musste lachen und entschuldigte sich für die Unwissenheit ihrer Landsleute. "Du musst dich nicht entschuldigen.", unterbrach ich sie und hielt einen Moment inne, "Es ist nicht schlimm nicht viel über Deutschland zu wissen. Ebenso ist es nicht schlimm, wenn Deutsche nichts über Japan wissen, schließlich kann man nicht alles wissen. Aber ich würde mir wünschen, dass die Menschen nicht so leicht an Vorurteile und Gerüchte glauben würden. Gerade was Japan betrifft, haben viele Deutsche immer noch Vorurteile im Kopf, die sie vor Jahren oder gar Jahrzehnten aufgeschnappt haben. Und es ist so schwer diese falschen Annahmen und Verallgemeinerungen aus den Köpfen der Menschen zu bekommen." Ayano nickte, während sie zuhörte und ihren Kaffee trank. "Du hast recht. Ich bin hier in Japan immer wieder erstaunt darüber was Ausländer über Japan denken. Manchmal haben sie gar keine falschen Annahmen sondern nur eine eingeschränkte Sichtweise auf einen bestimmten Aspekt der Gesellschaft oder einige Traditionen, die sie sofort für ganz Japan verallgemeinern. So denken viele Ausländer immer ich würde ständig Sushi oder rohen Fisch essen, weil ich Japanerin bin, aber ich mag Sushi gar nicht wirklich und habe es das letzte Mal vor knapp vier Monaten gegessen.". "Ja, die Menschen sehen nur allzu oft genau das, was sie sehen wollen. Jene, die sich für japanische Populärkultur oder 'das durchgedrehte, verrückte Japan' interessieren, sehen hier natürlich nur haufenweise japanische Comics, Zeichentrickserien, einen Markt für Videospiele und Messen für allerlei abgedrehte Freaks. Wer das Vorurteil vom spirituellen Japan hat, wird überall die Verbundenheit zur Natur, das Traditionsbewusstsein, die Ethik der Samurai und die Nähe zu Buddhismus und Shintoismus sehen. Wieder andere sehen Japan als Vorreiter für Trend und Technik und haben nur Augen für die gigantischen Wirtschaftsunternehmen und die überfüllten Modestraßen. Irgendwie stimmt alles ein wenig und dann doch wieder nicht. Es ist als würde man bei einer Symphonie nur ein einziges Musikinstrument hören.". "Viele übersehen all die Probleme unter denen Japan leidet. Sie glorifizieren es und übersehen völlig, dass es hier massive Probleme mit Obdachlosigkeit und auch Fremdenfeindlichkeit gibt. Ja, ich würde mir wünschen, dass man mein Land mit einem etwas kritischeren Blick sieht.". "Und nicht alles für Bare Münze nimmt, was man hört oder ließt.", fügte ich hinzu. "Wie ich eingangs sagte: Es ist nicht schlimm unwissend zu sein und ich möchte auch nicht, dass sich plötzlich jeder für Japan oder Deutschland interessiert, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Leute kritisch hinterfragen, was sie wissen. Oder glauben zu wissen. Denn es gibt nichts Schlimmeres als Menschen, die sich eine Weltsicht auf falschen Tatsachen aufbauen und sich nicht mehr von neuen Perspektiven und Ideen reizen lassen, weil sie zu sehr in ihrer kleinen, starren Welt verloren sind.".
Und so saßen Ayano und ich noch lange im Café und redeten über Japan und Deutschland. Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Darüber wie Freunde, Familie und Bekannte unsere Länder und die Welt sahen. Darüber wie wir die Welt sahen. Und darüber wie wir uns wünschen würden, dass andere die Welt sehen würden. Und auch als wir unseren Kaffee schon längst getrunken hatten und es bereits dunkel wurde, saßen wir an dem kleinen Tisch vor dem Fenster und diskutierten, lachten und erzählten und Geschichten aus dem Leben.

Samstag, 7. März 2009

Nachts sind alle Straßen grau

Nach einer recht ereignislosen Woche beschloss ich an meinem 161. Tag in Japan wieder einmal die nähere Umgebung Sokas zu erkunden. Diesmal allerdings nicht, wie all die Male zuvor, bei Tageslicht, sondern im Dunkel der Nacht. Also wartete ich geduldig bis die Nacht hereingebrochen war, was zu dieser Zeit des Jahres gegen sechs Uhr abends der Fall ist, bevor ich dick angezogen in die kühle Nachtluft eintauchte. Pläne hatte ich keine, dennoch hoffte ich insgeheim darauf irgendetwas Tolles zu entdecken, was mir tagsüber entgangen wäre. Leider muss ich nach meiner Erkundungstour eingestehen, dass mein nächtlicher Ausflug nicht sehr fruchtbar war, denn die kleinen Gassen in den Wohngebieten waren vollkommen ausgestorben. Außer Straßenlaternen und jeder Menge Grau gab es nämlich nichts zu sehen. Keine Lichtgestecke in den Gärten, keine hellerschienenen Fenster, durch die man im Vorbeigehen Familien beim Abendessen hätte sehen können, und auch kaum Autos oder Menschen, die zu solch später Stunde noch unterwegs waren. Und so hatte mein spätabendlicher Spaziergang durch die Straßen Sokas zwar etwas Besinnliches, allerdings wenig Interessantes, das mir im Gedächtnis blieb. Und so entstanden die meisten Bilder an diesem Abend entlang der Hauptstraße, wo sich Geschäft an Geschäft reiht.


Bild1: Ein Blick über das nächtliche Soka. Es war allerdings erst 18 Uhr.


Bild2: Nach der Dämmerung betreten die Katzen die nächtliche Bühne Sokas. Tagsüber habe ich sie bisher nur selten gesehen, aber im Dunkel der Nacht bemerkt man ständig graue Schatten mit leuchtenden Augen, die auf schnellen Füßen durch die Gegend huschen. Ich finde, dass Katzen in Japan viel weniger zutraulich sind, als in Deutschland, da sich die Katzen hier nicht streicheln lassen wollen und meist nicht näher als fünf Meter kommen, bevor sie panisch die Flucht ergreifen.


Bild3: Viele Geschäfte und Supermärkte haben meist bis spät in die Nacht geöffnet und so strahlen entlang den Einkaufsstraßen noch lange die hell erleuchtete Geschäfte, um Jenen ihre Waren anzubieten, die erst spät von der Arbeit kommen oder noch in den Abendstunden Einkäufe zu erledigen haben.


Bild4: Entlang der Hauptstraße stachen immer die knalligen Leuchtreklamen der Restaurants und Kneipen ins Auge. Wo einem tagsüber nur Autowerkstätten und triste Läden ins Auge fielen, offenbart sich erst in der Nacht ein buntes Angebot an Lokalen.


Bild5: Der Februar neigt sich bereits dem Ende zu, doch dieses Haus ist noch immer mit Lichterketten und anderer Dekoration geschmückt, wie man es eher zur Weihnachtszeit erwarten würde. Vermutlich handelt es sich hier aber nicht um einen Haushalt, in dem jemand vergessen hat die Weihnachtsdekoration abzunehmen, sondern um einen Blickfang für das gegenüberliegende Möbelhaus, denn ein genauerer Blick auf den Briefkasten offenbart, dass das Wohnhaus zu eben diesem gehört.


Bild6: Die nächtliche Kulisse entlang der Hauptverkehrsstraße ist sicherlich kein Vergleich zu den hell erleuchteten Straßen Shinjukus ("Downtown Medley - Harajuku, Shinjuku und zurück"), doch sieht man die vergleichsmäßig triste Kulisse am Tage, ist man doch ein wenig überrascht.


Bild7: Ein Blick in eine Straße in einer nächtlichen Wohngegend. Wie man sieht, sieht man nicht viel. Leere Straßen, verdunkelte Häuser und nur das Licht der Straßenlampen. Ansonsten nur Grau. Die einzigen Menschen, die ich in fast einer Dreiviertelstunde Fußmarsch durch diese Wohngegend traf, waren heimkehrende Geschäftsmänner, ein paar Frauen, die mit Einkaufstüten in den Körben zurück nach Hause geradelt kamen oder ein paar ältere Leute, die mich misstrauisch beäugelten und vermutlich für einen Einbrecher auf der Suche nach einem unbeobachteten Haus hielten. Verdenken kann ich es ihnen nicht, ich kam mir selbst vor wie ein Einbrecher auf Beutefang, als ich mit der Kamera im Anschlag ziellos durch die Straßen schlich und mich auf der Suche nach Fotomotiven ständig umschaute. 


Bild8: Das Einzige, was man in der Nacht schon immer aus hunderten von Metern Entfernung sehen konnte, sind die beleuchteten Verkaufsautomaten, deren große Anzahl mir an diesem Abend erst richtig bewusst wurde. An jeder dritten Ecke stand eine kleine Gruppe von Automaten, die meist Getränke anboten.


Bild9: Noch ein letztes Mal kam ich auf dem Rückweg an der Hauptstraße vorbei. Doch außer Leuchtreklame und Autos sah ich nichts mehr. Nur graue Straßen.

Donnerstag, 5. März 2009

Betten und Beben

In Japan gibt es traditionell keine Betten, sondern Futons. Das sind nicht viel mehr als etwas dickere Schlafmatten, die man tagsüber zusammenrollen kann, um im Raum mehr Platz zu haben. Eine recht mühsame Angelegenheit, die aber auch ihre Vorteile bringt. Natürlich heißt dies nicht, dass alle Japaner auf Futons schlafen, im Gegenteil, heutzutage sind Betten, wie wir sie von uns kennen, sehr verbreitet. Zudem findet man oftmals einen bunten Mischmasch aus traditionell japanischen Betten und unseren westlichen Betten, beispielsweise in meinem Wohnheim.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich nach meiner Ankunft in Japan das erste Mal mein Zimmer betrat und auf meinem Bett einen zusammengerollten Futon liegen sah. Beides für sich wäre kein Problem gewesen, mit einem Bett bin ich vertraut und mit einem Futon hätte ich auch gelernt umzugehen, aber beides zusammen? Das verwirrte mich damals sehr. Also fragte ich Shinya, der mich damals am Bahnhof abgeholt und zu meiner Wohnung gebracht hatte, ob man sich aussuchen könne, wie man schlafen wolle, woraufhin dieser ziemlich verwirrt schaute und mich fragte, ob ich denn noch nie auf einem Futon geschlafen hätte. Als ich verneinte, rollte er einfach den Futon auf der Matratze des Bettes aus und spannte ein Bettlaken darüber. "Man legt einfach den Futon auf das Bett?", fragte ich damals verwirrt, woraufhin Shinya ein wenig verwundert erwiderte: "Na klar. Was dachtest du denn? Bei uns zu Hause schlafen alle so.". Und seitdem schlief ich auf meinem Futon-Bett. Oben Japanisch, unten Westlich. Eigentlich doppelt gemoppelt, weil man auf der Matratze nochmals eine Schlafmatte liegen hat, aber das war mir eigentlich egal, denn es war bequem.
Das Einzige, was mir seitdem zu denken gab, war das Bettgestell, das hin und wieder unheilvoll schwankte, da die Holzbretter am Fußende nicht komplett ineinander griffen. Und so hatte ich immer ein ungutes Gefühl, wenn sich mehr als eine Person auf dem Bett befanden, zum Beispiel wenn Besucher da waren, die auf dem besagten Futon-Bett Platz nahmen, weil ich keine andere Sitzgelegenheit in meinem Zimmer hatte. Darum überlegte ich hin und wieder, wenn ich abends im Bett lag und wieder einmal das Gefühl hatte, dass dieses bald lautstark in sich zusammenbrechen würde, ob ich nicht vielleicht den schweren Futon vom Bett auf den Fußboden räumen sollte, um direkt auf dem Fußboden zu schlafen. Doch das Bett hielt und nach einigen Monaten nahm ich ein gelegentliches Wackeln und Ächzen in Kauf. Dennoch schlief ich manchmal mit dem Gedanken ein, dass ich irgendwann mitten in der Nacht aufwachen würde, wenn das Bett unerwartet doch einmal zusammenbräche.
Schließlich kam der Morgen meines 158. Tages in Japan. Nun, eigentlich war es so früh am Morgen, dass man fast noch von der Nacht des 158. Tages sprechen könnte, denn ich wachte um 4:55 Uhr auf. Zeitgleich mit dem Erwachen bemerkte ich ein Wackeln und dachte mir: "Na toll, jetzt bricht das Bett zusammen. Nach über fünf Monaten." Nach zwei äußerst lang scheinenden Sekunden begann ich mich dann aber zu fragen, warum ein Bett wackelt, bevor es zusammenbricht. Und ich fragte mich, warum mein Bett nach zwei Sekunden Wackeln immer noch nicht zusammengebrochen war. Und dann fragte ich mich auch noch, warum die Lampe an der Decke schwankte, wenn mein Bett dabei war zusammenzubrechen. Es dauerte fast noch einmal eine Sekunde bis mein Gehirn alle Informationen aufgenommen und mit meiner ersten Situationsanalyse verglichen hatte, bevor mir schlagartig bewusst wurde, dass mein Bett gar nicht zusammenbrach, sondern dass ich mein erstes, richtiges Erdbeben erlebte.
Es klingt komisch, aber ich wollte schon immer einmal ein echtes, kleines Erdbeben erleben, einmal dastehen, wenn alles wie auf einem Schiff schaukelt, nur schneller. Natürlich wollte ich keine Beschädigungen am Haus oder gar eigene Verletzungen, nein, ich wollte nur einmal eine Naturkatastrophe erleben, bei der niemand zu Schaden kam. Und da mir eine kleine Überschwemmung oder ein kleiner Wirbelsturm nicht geeignet für eine Kostprobe von einer Naturgewalt schienen, fand ich die Idee von einem schwachen Beben, bei dem nichts zu Bruch ging und niemand zu Schaden kam, immer sehr reizvoll. Da Japan direkt an der Schnittstelle von drei Kontinentalplatten liegt, ereignen sich hier öfters kleine und größere Beben, die ich zu meinem Bedauern aber nie miterlebt habe ("Naturgewalten").  Die meisten Beben in Japan sind so schwach, dass man sie einfach nicht mitbekommt, wenn man nicht den ganzen Tag auf ein Wasserglas schaut, um zu sehen, wann sich die Oberfläche leicht kräuselt. Und so habe ich die bisherigen Beben kurzerhand verschlafen oder war zu beschäftigt, um die minimalen Beben, von denen es in meiner Zeit in Japan sicherlich schon dutzende gab, zu bemerken.  Darum hörte ich Katharina immer nur berichten, dass es irgendwann wieder einmal leichte Beben gegeben habe, die ich nie selbst mitbekommen hatte. Nach fast einem halben Jahr hatte ich die Hoffnung darauf, ein Erdbeben einmal live mitzuerleben, schon aufgegeben, bis ich heute Nacht überraschend geweckt wurde. Und so lässt es sich vielleicht erklären, warum ich hellwach in meinem Bett lag und mit einem Grinsen die Decke anstarrte, während alles um mich herum wackelte.
Und dann kam die Stille. Es hatte nicht lange gewackelt, höchstens ein paar Sekunden, aber danach war plötzlich alles ganz still. Und mit der Stille kam die Angst. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht einmal genau warum erst jetzt, aber ich bekam Panik. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich begann unkontrolliert zu schwitzen, während meine Atemfrequenz beständig stieg. Und während mein Körper in Panik verfiel, war mein Kopf vollkommen klar. Ich hatte das Gefühl mich selbst zu beobachten, wie ein Testobjekt in einem Labor: Da saß jemand, der Panik bekam und ich schaute zu. Eine absurde Situation. Und während mein Körper noch auf Hochtouren arbeitete, war mein Kopf vollkommen fasziniert davon, wie unkontrollierbar man in Panik geriet und absolut nichts dagegen machen konnte. Es dauerte nicht einmal eine Minute, bis sich mein Körper wieder in den Normalzustand versetzt hatte, doch in meinem Kopf blieb ein seltsames Gefühl zurück, dass mich die plötzliche Reaktion meines Körpers auf die Gewalt der Natur nicht vergessen lies. War dies Instinkt gewesen? Ein Urinstinkt des menschlichen Körpers? Ich habe noch lange darüber nachgedacht, insbesondere weil ich mich über das Beben gefreut hatte.
Liege ich nun, nach meiner ersten miterlebten Naturkatastrophe, in meinem erstaunlich stabilen Futon-Bett und bin kurz vor dem Einschlafen, so wünsche ich mir nicht mehr freudig ein weiteres Erdbeben herbei, ganz gleich wie schwach es sei mag. Denn das was bleibt, ist keine Erinnerung an ein lustiges Schaukeln, sondern ein Gefühl der Angst und Hilflosigkeit, gegen das man nicht ankommen kann.

Mittwoch, 4. März 2009

Manchmal zur Dämmerung

Manchmal passiert es. Wenn ich abends die Wohnung verlasse und in den Südwesten blicke. Wenn die letzten Sonnenstrahlen vor den schwarzen Umrissen Sokas ihren Weg über den blutgetränkten Himmel suchen. Dann kann kann man ihn sehen. Manchmal.


Bild1: Manchmal zur Dämmerung sieht man am Horizont die Umrisse des Fuji, dem wohl bekanntesten Berg Japans.

Sonntag, 1. März 2009

Alle Wege führen nach Kita-Senju

Nun, zumindest führt mich mein Weg mit dem Zug stets zum Bahnhof von Kita-Senju, wenn ich von Soka aus nach Tokyo fahre. Am Bahnhof von Kita-Senju wechselt nämlich die betreibende Bahngesellschaft, weshalb man immer ein neues Ticket kaufen muss. Und so habe ich in den letzten fünf Monate bei jeder Zugfahrt in die Innenstadt den Bahnhof von Kita-Senju gesehen und mich gefragt: Was ist das für eine Stadt, durch die ich immer fahre?
Und so kam es, dass ich heute, als ich nichts Besseres an diesem schönen, sonnigen Tag zu tun hatte, kurzerhand zum Bahnhof lief, in den nächsten Zug stieg und bis nach Kita-Senju fuhr. Das erste Mal verließ ich den Bahnhof, an dem ich sonst imer nur umgestiegen war, und warf einen Blick hinter die Ticketschranke, einen Blick in die Stadt, die ich bereits so oft gesehen und doch nie erlebt habe.


Bild1: Nachdem ich den Bahnhof von Kita-Senju verlassen hatte, stand ich erst einmal auf einer erhöhten Ebene, da der Bahnhof Ausgänge auf zwei Stockwerken hatte. Und so konnte ich einen Blick über das Geländer hinunter auf all die anderen Menschen werfen.


Bild2: Ich bin einfach drauf los gelaufen und hatte als Ziel im Hinterkopf nur einen Fluss, den ich von der Zugfahrt aus gesehen hatte. Karten von Kita-Senju hatte ich nirgends gefunden, dazu war diese Stadt einfach zu unbekannt. Sehenswürdigkeiten schien sie auch keine zu haben. Und so landete ich in einer Fußgängerzone, die ich entlang schlenderte.


Bild3: Irgendwann bestieg ich einen großen Deich, um von dort einen Blick auf Kita-Senju zu werfen. Auffällig ragen auf dem Foto die hohen Gebäude rings um den Bahnhof aus der Stadtkulisse hervor.


Bild4: Auf der anderen Seite des Deiches war das gesamte Ufer mit Sportplätzen gefüllt. Dort spielten japanische Mannschaften beispielsweise Baseball, wie auf diesem Bild. Im Vordergrund liegt ein junges Paar auf der Wiese und sonnt sich, nun ja, es war schließlich Valentinstag. Ohnehin war es eine sehr lebhafte Atmosphäre, mit jungen Paaren, die auf den Fluss schauten, Müttern, die mit ihren Kinder spielten, ältere Menschen, die mit ihren Hunden spazieren gingen, junge Leute, die ihr Musikinstrument übten oder enthusiastische Väter, die ihre Kinder auf dem Spielfeld anfeuerten.


Bild5: Immer wieder wechselte ich meinen Weg. Mal lief ich auf dem Deich, dann wieder an der Uferpromenade. Ständig fuhren Radfahrer an mir vorbei oder Jogger kamen mir entgegengerannt. Die Gegend um den Fluss schien mir einer jener Orte zu sein, an den man ging, um an einem freien Tag an der frischen Luft herumzutoben.


Bild6: Neben Joggern, Baseballspielern und Radsportlern, sah man jede Menge andere Amateure und professionelle Sportler trainieren. Beispielsweise Footballspieler...


Bild7: ...oder Fußballer...


Bild8: ...oder sogar Frisbeespieler, die in zwei Teams aufgeteilt unter Aufsicht eines Trainers trainierten.


Bild9: Nach einiger Zeit überquerte ich eine endlos scheinende Brücke, um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen, der Kita-Senju teilte.


Bild10: Ein Blick auf das Ufer, das mich an das Norddeutsche Watt erinnerte. Auf den Holzpflöcken saßen sogar einige Möwen.


Bild11: Als ich dachte, bereits den Deich der anderen Flussseite erreicht zu haben, entpuppte sich dieser als ein dünner Inselstreifen, hinter dem sich noch ein weiterer Kanal erstreckte. Und so lief ich geradewegs auf eine große Autobahn zu.


Bild12: Ich hatte ein wenig Pech, da ich genau an der Hauptstraße entlanglief, an der es fast nichts zu sehen gab: Hin und wieder Innenhöfe von Betrieben, dann eine Industrieanlage und sonst nur Mauern zu meiner Seite. Über mir die mehrspurige Autobahn und neben mir eine andere Straße. Und so wurde ich fast eine halbe Stunde lang nur mit Abgasen vollgenebelt. Immerhin war es sonnig und warm und ich musste nicht einmal eine Jacke tragen.


Bild13: Entlang der Straße unter der Autobahn hatten Obdachlose eine kleine Siedlung errichtet. Jede der Planen stellt die Behausung eines anderen Obdachlosen dar.


Bild14: Auf einer Anhöhe entdeckte ich inmitten dieser eher unwirtlichen Gegend einen Park. Befürchtete ich erst, dass dieser von Obdachlosen bevölkert sein könnte, stellte er sich doch als sehr gepflegt und familienfreundlich heraus. Es gab Mütter, die mit ihren kleinen Töchtern verstecken spielten, alte Männer, die an einem Teich saßen und diskutierten, Hobbyfotografen, die Bäume ablichteten und jede Menge Leute, die einfach nur durch die Anlage spazierten. Oben sieht man einen Ausschnitt des erstaunlich weitläufigen Parks, der an einen traditionell, japanischen Garten angelehnt ist.


Bild15: Und mitten im Park gab wieder Trainingsplätze für Sportler, wie bereits an der Flusspromenade zum Beginn. Auf diesem Foto sieht man einen Tennisplatz, weiter hinten befand sich auch ein Basketballfeld.


Bild16: Ein Blick vom Ausgang des Parks hinunter auf die Treppe, die ich zu Beginn hinauf gestiegen war, um zu zeigen, wie hoch der Park gelegen war. Was für ein Gebäude sich unter dem Park befand, konnte ich nicht herausfinden. 


Bild17: Auf meiner Erkundungstour durch Kita-Senju fand ich einen Baum mit Zitrusfrüchten. Obwohl das Klima in Japan dem unseren recht ähnlich ist, bin ich immer wieder erstaunt darüber Zitrusfrüchte in den Gärten wachsen zu sehen. Natürlich sieht man im Spanien- oder Italienurlaub Ähnliches, doch man betrachtet solche Kleinigkeiten mit anderen Augen, wenn man in einem Land nicht als Urlauber, sondern als Bewohner ist.


Bild18: Irgendwann erreichte ich einen Bahnhof und warf einen Blick auf die Karte. Nach rund drei Stunden Spaziergang war ich gerade einmal an der Station direkt neben Kita-Senju angekommen. Und da diese nicht einmal eine Station war, die auf dem Weg nach Soka lag, warf ich einen Blick auf die am Bahnhof aufgehängte Stadtkarte und prägte mir den Rückweg zum Bahnhof von Kita-Senju ein. Auf dem Foto sieht man die Straße neben dem Bahnhof von Awase.


Bild19: Mit diesen bunten Plastikblumensträußen war die gesamte Straße geschmückt. Schon öfter waren mir diese dekorativen Sträuße aufgefallen, die oftmals an den Straßenlaternen angebracht wurden, wenn in der Nähe ein Stadtfest oder Vergleichbares stattfand.


Bild20: Auf dem Rückweg zum Fluss lief ich durch ein schönes Wohngebiet, in dem kleine japanische Gärten angelegt waren. Der kleine Bach führte entlang einiger Gebäude, herum um einen großen Kinderspielplatz und verschwand schließlich irgendwo zwischen den Häusern. Ich folgte ihm und sah sogar einige Fische darin schwimmen. An einer Stelle saßen Kinder am Ufer, fischten Algen aus dem Bach, bauten Schlammburgen und sprangen von einer Bachseite auf die andere. Ein wenig musste ich an meine Kindheit denken, als ich mit Freunden an einem Bach nahe unserem Heimatdorf gespielt habe.


Bild21: Als es zu dämmern begann, erreichte ich schließlich wieder den Fluss. Und so konnte ich einen schönen Blick auf die Stadtkulisse Kita-Senjus werfen, die sich gegen die Abendsonne abzeichnete.


Bild22: Entlang der Flussseite, auf der ich bis zur nächsten Brücke wanderte, wurde gerade ein Naturlernpfad errichtet. Er war zwar noch nicht fertig, aber bereits begehbar, weshalb ich mit Freude in der warmen Abendsonne zwischen dem Schilf umherspazierte und sogar bis ans Flussufer lief.


Bild23: Ein Blick auf Kita-Senju in der Abendsonne, durch das Schilf am Flussufer.


Bild24: Mit großen Steinen war eine Art Labyrinth in das Schilf am Flussufer gebaut worden. Es machte unheimlichen Spass von Stein zu Stein zu springen. Vorallem weil ich fast das gesamte Ufer nur für mich allein hatte.


Bild25: Auf dem Rückweg über eine Brücke wollte ich eigentlich nur ein Bild von der schönen Abendsonne machen. Herausgekommen ist das faszinierende Bild eine Sonne, die gleich einem flammenden Inferno auf Kita-Senju zurast.


Bild26: Schließlich erreichte ich wieder den Bahnhof von Kita-Senju. Hier ein letzter Blick von der oberen Ebene vor dem Bahnhof hinab in die belebte Innenstadt.