Obwohl der Wecker auf Sieben Uhr gestellt war, waren Dominic und ich bereits um Sechs Uhr wach. Da wir bereits am Vortag alles gepackt hatten, hätten wir eigentlich entspannt liegen bleiben können, um den letzten Morgen in Japan in Ruhe zu genießen, aber selbstverständlich lies uns die anstehende Hektik keine Ruhe und so hüpften wir unerwartet munter aus unseren Betten, machten uns fertig, frühstückten und verbrachten unsere überschüssige Zeit damit fünfmal zu überprüfen, ob wir auch wirklich alles eingepackt hatten. Und dann machten wir uns samt Gepäck auf in Richtung des Internationalen Flughafens Narita.
Um Acht Uhr waren wir am Bahnhof in Soka und quetschten uns zu den allmorgendlichen Pendlern in den Zug. Es war mir ein wenig unangenehm solch einen großen und schweren Koffer zwischen die Fahrgäste zu rammen, denn es war ohnehin kaum Platz in der überfüllten Bahn und scheinbar jeder schien sich an dem Koffer zu stoßen oder hängenzubleiben. Und so hatte ich ein wenig das Gefühl, dass ich als stämmiger Europäer mit Dominics großem Koffer und meiner vollgepackten Rucksack den Platz von fünf Japanern beanspruchen würde, darauf ansprechen tat mich aber natürlich niemand. Dennoch war ich froh, als ich in Kita-Senju endlich die Bahn verlassen und gemeinsam mit Dominic zum Anschlusszug eilen konnte. Hatte ich insgeheim gehofft, dass dieser nicht ganz so voll sein würde, musste ich mich von Neuem in einen heillos überfüllten Zug drängen und irgendwie den Koffer in die Menge pressen. Einige Minuten stand ich da, in denen meine Beine fest den Koffer umklammerten, damit dieser bei dem ständigen Geschaukel nicht zu einem Geschoss werden würde, dass die Kniescheiben der benachbarten Japaner zu zertrümmern drohte, während ich mich meinen Oberkörper verbog, um mich an einer Haltestange festhalten zu können. Eigentlich könnte man annehmen, dass man in solch einer gedrängten Menschenmasse von den umstehenden Personen an Ort und Stelle gehalten werden würde, doch bedauerlicherweise traf dies auf große, schwere Ausländer wie mich nicht zu, denn immer wenn ich leicht in eine Richtung schaukelte, spürte ich, wie ich die nebenstehenden Fahrgäste beinahe von den Füßen riss. Und so stand ich knapp eine Viertelstunde da, mit verkrampften Beinen, überspannten Armen und schrecklichen Rückenschmerzen. Aber glücklicherweise verließ nach einigen Stationen ein Großteil der Fahrgäste das Abteil, weshalb die letzten Minuten bis zum Bahnhof von Nippori regelrecht angenehm waren.
Der Bahnhof von Nippori? Manch einem Leser mag der Name bekannt vorkommen. Und das zurecht. Denn Nippori war jener Bahnhof, an dem ich mich vor drei Wochen, als ich Dominic vom Internationalen Flughafen Narita abgeholt habe, vollkommen verirrt hatte ("
Nie wieder Nippori"). Nie wieder Nippori, hatte ich mir damals gesagt und hätte es dabei wohl auch belassen, wäre es nicht mit Abstand die kostengünstigste und schnellste Anbindung zum Flughafen. Am Vorabend, während ich mit der Planung der Route beschäftigt gewesen war, hatte ich sogar extra Dominic gefragt, ob er über Nippori fahren wollen würde und auch er hatte nur zugestimmt, nachdem ich ihm die umständlichen und zeitaufwendigen Alternativen gezeigt hatte. Und so kamen wir schließlich mit Dominics Gepäck in Nippori, dem Bahnhof des Grauens, an und er machte seinem Namen alle Ehre: Wie immer war es kaum ersichtlich wohin wir gehen mussten, um zu unserem Zug zu kommen, weshalb wir erst einmal hilfesuchend um uns schauten, ehe wir auf Treppenstufen schließlich die Information geschrieben sahen, die wir benötigten: Züge mit Anbindung nach Narita, bitte nach oben. Und so kraxelten wir samt Gepäck die Stufen nach oben, nur um dann die gleiche Treppe wieder nach unten zu laufen. Und so folgten wir den vollkommen irreführenden Beschreibungen und eierten eine Weile lang durch Nippori, ehe wir schließlich unser Gleis, eine riesige Baustelle, fanden. Rund eine Viertelstunde mussten wir warten, ehe schließlich der Zug einfuhr, der uns direkt nach Narita bringen würde. Zu unserem Glück war der Zug fast leer, weshalb wir uns einen passenden Platz aussuchten, unseren Koffer vor uns abstellten und uns erst einmal auf die weichen Polster fallen ließen.
Über eine Stunde sollte unsere Fahrt nach Narita dauern und so hatten Dominic und ich noch einmal Zeit über die vergangenen drei Wochen nachzudenken. Und da ich gespannt war wie Dominic Japan wohl wahrgenommen hatte, fragte ich ihn neugierig nach einem Resümée seines Aufenthalts: Was ihm gefallen hatte, was nicht. Was ihn überrascht hatte und was ihm seltsam vorgekommen war. Eine Weile lang dachte er nach, dann begann er zu berichten: "Japan ist ein wunderschönes Land und es hat mir hier sehr gut gefallen. Die vielen Sehenswürdigkeiten haben mich wirklich beeindruckt, weil es etwas ganz anderes war, als das, was man sonst immer sieht. Und ich finde auch, dass Japan ein sehr sicheres Land ist. Ich habe mich selten in einem Land so wohl gefühlt, wenn ich abends im Dunkeln durch die Straßen gelaufen bin. Insgesamt finde ich hier alle auch sehr höflich: Man sagt oft 'Danke' und 'Bitte', das gefällt mir besser, als bei uns in Deutschland. Naja, in den Zügen dann aber nicht, da sind alle unvorstellbar unhöflich: Schubsen, Stoßen und Rempeln ohne etwas zu sagen. Ja, diese überfüllten Züge waren schlimm. Und der Nachtbus. Und natürlich der Bahnhof von Nippori. Aber ansonsten finde ich das Transportsystem wirklich praktisch, weil alle paar Minuten ein Zug kommt. Aber ich muss sagen, dass ich nicht damit gerechnet hätte hier mit Englisch so gar nicht weiterzukommen. Das spricht hier ja wirklich kaum jemand. Und ohne Japanischkenntnisse findet man sich eigentlich kaum zurecht. Darum bin ich froh gewesen, dass du mir immer alles übersetzen und erklären konntest, den Japan ist zwar ein schönes und interessantes Land, aber alleine erkunden? Das finde ich ohne Japanisch sehr schwer.". Und so erzählte Dominic, während ich lauschte hin und wieder eine Zwischenfrage stellte, einige kurze Kommentare machte, oder gelegentlich zustimmend nickte. "Ich glaube ich muss jetzt aber erst einmal alles verdauen.", schloss Dominic seinen Bericht, "Wenn ich wieder in Deutschland bin und ein paar Tage Zeit hatte alles noch einmal zu überdenken, werte ich vielleicht ganz anders. Kannst mich ja dann einfach noch einmal fragen.". "Das werde ich machen", versprach ich lächelnd und so fuhren wir die letzten Minuten bis nach Narita.
Früher hatte ich immer ein wenig Angst davor Flughäfen zu betreten, da sie mir immer so weitläufig und unübersichtlich vorkamen und ehrlich gesagt habe ich bis zum heutigen Tage daran festgehalten, dass Flughäfen riesige Labyrinthe sind, durch die man stundenlang, wenn nicht tagelang, irren kann. Doch der Internationale Flughafen von Narita, der keineswegs ein kleiner Flughafen ist, hat mir gezeigt, dass man gar keine Angst vor Flughäfen habe muss, denn es gab keinen Moment, in dem Dominic und ich nicht sofort gewusst hätten, wohin wir hätten gehen sollen. Überall hingen Schilder, die leicht verständlich beschrieben, wohin man sich wenden musste und so liefen wir in nur wenigen Minuten von der Bahnstation im Untergeschoss des Flughafens bis zur Abflughalle. Zielstrebig steuerten wir auf den Check-In-Schalter zu und wir wären dort wohl auch ohne Unterbrechung angekommen, wenn uns nicht zwei japanische Sicherheitsbeamte angehalten hätten. "Nur eine zufällige Sicherheitskontrolle.", versicherte uns der Beamte, doch irgendwie fand ich es seltsam, dass ausgerechnet wir beide ausgewählt wurden. Vielleicht weil wir im Vergleich zu den anderen Passagieren doch recht groß waren? Vielleicht aber auch wirklich nur eine zufällige Stichprobe. Und so standen wir eine Weile lang neben den Sicherheitskräften und ich erklärte auf japanisch aus welchem Grund ich in Japan war, aus welchem Grund Dominic in Japan war und antwortete auf all die anderen Fragen, die mir gestellt wurden, während der andere Sicherheitsbeamte unsere Pässe kontrollierte. Und da wir offensichtlich nur harmlose Ausländer waren, durften wir nach einer kurzen Unterbrechung unseren beinahe nahtlosen Marsch von der Bahnstation zum Check-In-Schalter fortsetzen.
Mit der Air France flog Dominic und so wartete ich geduldig, während Dominic sich an den automatischen Check-In-Schaltern zu schaffen machte und schließlich sein Gepäck abgab. Und da ich so fast eine Viertelstunde alleine in der Abflughalle stand, war es nicht verwunderlich, dass irgendwann eine Dame auf mich zugelaufen kam: "Kann ich Ihnen helfen?". "Nein, danke. Ich warte nur auf einen Freund.", antwortete ich und deutete auf eine Menschenmenge vor dem Check-In-Schalter. "Sie können sich gerne dazustellen, auch wenn sie nicht einchecken.", bot die Frau mir an und lächelte mit ihrem perfekten Angestelltenlächeln. "Das ist schon in Ordnung.", erwiderte ich, "Es dauert nicht mehr lange.". Und das tat es auch nicht: Wenige Augenblicke später kam Dominic von den Schaltern zurück, nun ohne seinen großen, schweren Koffer. "Genau zwanzig Kilogramm.", verkündete er stolz, "Obwohl es bis Dreiundzwanzig Kilogramm Toleranz gibt.". Und so war auch unsere letzte Befürchtung, nämlich dass das Gepäck wegen meiner Uniunterlagen zu schwer geworden sein könnte, zerschlagen und wir standen in der Wartehalle, frei von Verpflichtungen und Stress. Und da wir noch knapp über eine Stunde Zeit hatten, liefen wir noch ein wenig durch die Abflughalle und unterhielten uns.

Bild1: Der Check-In der Air France am internationalen Flughafen von Narita. Ich finde Flughäfen sehen überall gleich aus, ganz gleich in welchem Land man sich befindet. Und so kam ich mir weniger vor wie in Japan, als viel mehr auf internationalem Boden.
Was macht man in jenen letzten Minuten bevor jemand abfliegt? Genau wusste ich es nicht und darum fokussierte ich mich auf die nahliegenden Dinge: Getränke und Essen anbieten und ein wenig über den anstehenden Flug sprechen. Und so saßen wir nebeneinander in der Abflughalle und schauten Nachrichten, während um uns herum die Menschen umher eilten und alle zielstrebig irgendetwas anvisierten. Nur wir nicht, wir saßen in unserer kleinen ruhigen Insel abseits des Trubels. Viel sprachen wir nicht, aber dennoch war es keine unangenehme Stille, denn jeder hing ein wenig seinen Gedanken nach, während wir beobachteten wie Leute kamen und gingen, Bedienstete die Mülleimer leerten und der Regen gegen die Scheibe der Wartehalle prasselte. "Regen", fuhr es mir durch den Kopf, "Mir ist gar nicht aufgefallen, dass es angefangen hat zu regnen.". Obwohl ich schon seit Stunden unterwegs war, hatte ich es gar nicht wirklich bemerkt. Zu beschäftigt war ich gewesen, zu angespannt. Doch nun, nach der Anfahrt, nach dem Check-In, der Kofferaufgabe, war eine seltsame Stille eingekehrt. Noch ein letztes Mal räumten wir Dinge von Dominics Rucksack in meinen und umgekehrt, dann standen wir auf und schlenderten langsam zur Kontrolle. Ein paar letzte Worte, eine letzte Umarmung, dann lief Dominic in die Schlange der Kontrolle, während ich hinter der Absperrung zurückblieb und alles beobachtete. Und als ich so dastand und Dominic beobachtete, kniff mir jemand in die Seite: Es war Ninja. Für einen kurzen Moment wusste ich gar nicht, warum sie plötzlich neben mir stand, doch dann fiel mir ein, dass sie heute auch zurück nach Deutschland flog. "Hey, wo ist Dominic?", fragte sie und schaute um sich. "Da.", antwortete ich und deutete mit meinem Finger zur Kontrolle. "Was? Er ist schon in der Kontrolle?", fragte Ninja verdutzt nach, "Dann muss ich mich ja beeilen!". Und so wechselten wir schnell ein paar letzte Worte und ich drückte auch sie noch einmal, dann lief sie winkend mit ihrem Handgepäck Dominic hinterher. Ein letztes Mal blickte ich zu den beiden, dann drehte ich mich um und lief alleine durch die große Abflughalle. Was aus Ninja und Dominic geworden ist? Nun, das ist eine andere Geschichte.

Bild2: Die Kontrolle, durch die Dominic und Ninja gingen. Der letzte Ort, an dem ich die beiden in Japan gesehen habe.
Bild3: Das letzte Bild von Dominic, kurz bevor er in den Kontrollen verschwand.
Bild4: Durch die leeren Gänge des Flughafens lief ich einsam zurück zur Bahnstation.
Es war eine einsame Heimfahrt und der Regen schien dies auch noch passend untermalen zu wollen. Immer wieder blickte ich auf die Uhr und sagte mir in Gedanken: "Jetzt fliegt er gerade ab." oder ähnliches, doch wirklich genau wusste ich es natürlich nicht. Auch wenn wir uns in den letzten Wochen manchmal in den Haaren gehabt hatten und es nicht nur einmal anstrengend gewesen war, vermisste ich Dominics Gesellschaft. Und so saß ich alleine im Zug inmitten fremder Menschen, neben mir niemand, nicht einmal ein Koffer. Am Bahnhof von Nippori stieg ich wieder um und musste daran denken, wie ich hier das erste Mal angekommen war, als ich Dominic in Narita willkommen heißen wollte und verschlafen hatte, wie wir auf dem Rückweg in der Ticketkontrolle hängen geblieben waren und wir wir hier noch vor wenigen Stunden zu zweit gestanden hatten. Nun stand ich alleine am Gleis und schaute in den Regen. Und so fuhr ich nach Kita-Senju, nach Soka und lief schließlich bis zum Wohnheim. Die Wohnung war noch genau so, wie wir sie am Morgen zurückgelassen hatten: Die Reste von Frühstück lagen noch auf dem Tisch, in meinem Zimmer war noch Dominics Futon auf dem Boden ausgerollt. Einen Moment schaute ich gedankenverloren darauf, dann überkam mich die Müdigkeit und ich legte mich in mein Bett und schlief ein.

Bild5: Der hässliche und verregnete Bahnhof von Nippori. Fotografiert während ich auf meinen Zug warten musste.
Nach einigen Stunden wachte ich wieder auf, doch wirklich fit war ich nicht und so verbrachte ich den Rest des Tages im Bett. Erst am Abend stand ich noch einmal auf, als es an der Tür klingelte. Es war Lee, die soeben vom Flughafen gekommen war. "Wegen schlechten Wetters wurde mein Flug gecancelt, deswegen bin ich erst heute gekommen.", begrüßte sie mich. Und so unterhielten wir uns für einen Moment, bevor ich ihr den Schlüssel zu ihrer Wohnung gab, den Katharina mir am Vorabend überreicht hatte, und Lee sich verabschiedete. Es waren nur wenige Sätze, die wir gewechselt hatten, doch es war genug um zu verstehen, dass ich nicht alleine war, obwohl Dominic nun gegangen war.