Donnerstag, 19. Februar 2009

Von Amanatsu bis Tenpura

Nun da die Vorlesungszeit an der Universität vorüber ist und ich nicht mehr in die Mensa gehe, werde ich oft gefragt, was ich zu Mittag esse. Ob ich selbst koche, kochen lasse oder nur von Fertiggerichten lebe. Darum habe ich mich entschlossen diesen Beitrag meinen täglichen Mahlzeiten zu widmen und habe versucht in den letzten Wochen ein wenig zu dokumentieren, was vor mir auf dem Teller liegt.
Zunächst einmal eine gute Nachricht: In der Regel bereite ich mein Essen selbst zu, Fertiggerichte kaufe ich mir nicht so oft. Einerseits weil sie im Vergleich doch etwas teuer sind, andererseits weil ich Spass am Kochen und Braten habe und gerne meine freie Zeit in eine leckere Mahlzeit investiere. Leider habe ich wenig kreativen Spielraum für ausgefallene Gerichte, da der Ofen nicht funktioniert und ich weder eine Fritteuse, noch andere spezielle Küchengeräte habe, weshalb alle meine Gerichte mit einer gewöhnlichen Pfanne gebraten oder in einem Topf gekocht werden müssen. Und so schrumpft mein Repertoire an alltäglichen Gerichten auf eine recht überschaubare Anzahl zusammen. Dafür bietet fast jede meiner Mahlzeiten fast unbegrenzte Variantionsmöglichkeiten, weshalb ich trotz der geringen Auswahl auch nach mehreren Monaten immer noch große Freude an jeder einzelnen Mahlzeit habe.


1. Sushi


Wenn man an Japan denkt, denkt man an Sushi. Und in der Tat ist Sushi hier sehr verbreitet und beliebt, weil es nahezu unbegrenzte Variationsmöglichkeiten bietet. Man findet Sushi in der Kühltheke des angrenzenden Supermarktes, auf den Speisekarten von Restaurants oder beim Schnellimbiss an der Straße. Und so reicht die Palette von Sushi von kunstvoll gestalteten Kompositionen, bis hin zu einem simplen Buffet an Partys, an dem jeder selbst sein Sushi zusammenstellt. Und so ist Sushi entgegen unser Vorstellung nicht ein kleines Röllchen, das mit Reis und Fisch gefüllt wird, sondern ein breites Sortiment an Gerichten, die nur eine einzige Sache gemeinsam haben: Sushireis. Dieser ist im Gegensatz zu unserem im Westen verbreiteten Langkornreis viel klebriger, was durch Zugabe von Reisessig und Zucker nochmals verstärkt wird, wodurch man eine zähe, klebrige Masse erhält, die für die verschiedenen Sushivarianten zurechtgeformt werden kann. Dazu kann nun allerlei gegessen werde, bevorzugt aber verschiedene Sorten von Fisch und anderen Meerestieren, Fleisch, Ei und verschiedene Gemüsearten, oftmals auch alles zusammen. Je nach Zubereitungsart kann der Sushireis dann zusammen mit den Beilagen in ein Noriblatt gewickelt werden, was eine Art Esspapier aus getrockneten Meeresalgen bzw. Seegras ist.
Und so esse auch ich oft Sushi, indem ich mir einen Topf Reis zubereite, mir ein paar handgroße Stücke Noriblatt zurechtschneide und dieses dann mit Reis und einer Auswahl an Zutaten belege. Die Zutaten variieren je nachdem, was gerade im Kühlschrank ist oder verwertet werden muss, in der Regel sind dies Thunfisch, Ei, Sojasprossen und Weißkohl. Manchmal habe ich auch Gurken, Karotten, Tomaten oder rohen Lachs da, das ist allerdings eher die Ausnahme, da diese Zutaten doch ziemlich teuer sind. Auf dem Foto sieht man auf meinem Küchenbrett die Noriblätter (unten links), daneben Weißkohl. Darüber befindet sich gebratenes Ei und schließlich eine Schale mit Thunfisch, der mit Zwiebeln, ein wenig Mayonnaise und Gewürzen zubereitet wurde. Das Einzige, was nun noch fehlt, ist ein Topf gefüllt mit Sushireis.


2. Okonomiyaki


Seitdem ich zu Beginn meines Jahres in Japan schon einmal über Okonomiyaki berichtet habe ("Okonomiyaki - Pizza auf Japanisch"), bin ich experimentierfreudiger und professioneller geworden und so sind eben jene "japanischen Pizzas" zu einem festen Bestandteil meines Nahrungsplans geworden. Okonomiyaki setzt sich aus den Wortbestandteilen okonomi, was soviel bedeutet wie "was man mag", und yaki, was im japanischen ein Suffix für alles ist, was gebraten, geröstet oder gegrillt wird, zusammen. Und damit ist bereits ersichtlich was Okonomiyaki genau ist: Ein bunter Mischmasch aus allem nur Erdenklichen, was zusammen mit einem simplen Teig in der Pfanne zu einer Art dickem, deftigen Pfannenkuchen gebraten wird. Der Grundteig besteht lediglich aus Ei, Mehl, Wasser und Weißkohl. Der Rest ist dann ganz nach Belieben hinzuzufügen und richtet sich bei mir wieder einmal nach dem, was sich gerade im Kühlschrank befindet. Für gewöhnlich sind dies Sojasprossen und Zwiebeln, oftmals füge ich aber auch Tomaten, Thunfisch, Käse, Spinat oder Karotten hinzu. Das Wenden, was anfangs noch die größte Schwierigkeit darstellte, ist nun zum spaßigsten Teil des Kochens geworden, da ich mir angewöhnt habe das Okonomiyaki in die Luft zu werfen und dann wieder in der Pfanne aufzufangen. Bisher ist es noch nie schief gegangen. Das fertige Okonomiyaki bestreiche ich immer mit einer Mischung aus Okonomiyakisoße aus dem Supermarkt und Mayonnaise. Auf dem Foto kann man meine private Soßenmischung auf einem frischen Okonomiyaki sehen. Im Teig kann man den Weißkohl und Karottenstücke erkennen.


3. Zitrusfrüchte


Wer nun erwartet, dass ich ausgefallene Gerichte mit Zitrusfrüchten beschreibe, wird enttäuscht sein, da ich die Zitrusfrüchte einfach nur esse. Da es sie hier in Japan allerdings eine weitaus breiteren Auswahl an verschiedenen Sorten gibt, als bei uns in Europa, steht bei mir fast jede Woche ein neues Säckchen Zitrusfrüchte, die ich meist zum Frühstück oder spätabends esse, wenn es zu spät zum Kochen ist. Und so sind auch Zitrusfrüchte zu einem frischen und vitaminreichen Bestandteil meines Nahrungsplans geworden.
Um ehrlich zu sein, kenne ich mich mit den verschiedenen Sorten von Zitrusfrüchten nicht aus, weshalb ich in der Überschrift den Überbegriff "Zitrusfrüchte" benutze, obwohl ich eigentlich größtenteils orangenähnliche Früchte esse. Neben den bei uns bekannten Orangen, die es auch hier in Japan als orenji gibt, bietet jeder Supermarkt ein weitaus breiteres Spektrum an Früchten an, deren Namen man bei uns in Europa gar nicht kennt, wie beispielsweise die amanatsu, die auf dem Foto abgebildet sind, oder iyokan, die ich erst heute gekauft habe. Wie ich herausgefunden habe, sind dies wohl nicht einfach nur andere Namen für Orangen, Pampelmusen, Pomelos oder Grapefruits, sondern eigenständige Züchtungen, die in den ansässigen Supermärkten auch wiederum mit verschiedenen Unterarten angeboten werden. Da ich das komplexe System der Zitrusfrüchte aber noch nicht ganz verstehe, habe ich angefangen jede Zitrusfrucht, die ich hier in die Hände bekomme zu dokumentieren. Vielleicht werde ich bald einen ganzen Beitrag über die zahlreichen Sorten schreiben, die in den hiesigen Supermärkten angeboten werden.


4. Tenpura & Inari


Da ich keine eigene Fritteuse habe, gehören Tenpura und Inari zu jenen Gerichten, die ich leider nicht selbst zubereiten kann, obwohl sie ziemlich simpel sind. So kaufe ich sie mir manchmal abends im Supermarkt, wenn die Preise herabgesetzt sind und ich das Bedürfnis nach etwas Abwechslung habe. Inari (links im Bild) sind frittierte Tofutaschen, die mit Reis gefüllt sind. Sie sind ein wenig süßlich und werden oft zusammen mit Sushi angeboten. Tempura (rechts im Bild) hingegen beschreibt wieder eine ganze Palette an verschiedenen Gerichten, die nur eine Gemeinsamkeit haben: Sie werden in einem Teigmantel frittiert. Das umschließt dann sowohl verschiedene Arten von Fisch und Fleisch, sowie Gemüse oder Kräuter. Tenpura ist ursprünglich kein japanisches Gericht, sondern stammt vermutlich aus Portugal, wo das Wort "Tempora" Fastenzeit bedeutet und auf das 16. Jahrhundert verweist, in dem man kleine Essensstücke aus den Fettresten einer Pfanne aß. Tenpura fällt bis heute in der japanischen Küche auf, nicht weil es einen komischen Namen hätte, sondern weil es sehr fettig ist, was sehr ungewöhnlich für japanischen Mahlzeiten ist. Darum wird es, wie Inari,  in der Regel als Beilage gegessen. Natürlich hindert mich dies nicht daran dennoch am späten Abend eine Portion Tenpura oder Inari als Abendsnack zu essen. Normalerweise kaufe ich mir fleischloses Tenpura, weshalb man auf dem Foto unten rechts Tenpura aus daikon,  einer große japanische Rübe, darüber Tenpura aus einer Art Dill, sieht. Gerne probiere ich aber auch andere Varianten, weshalb ich erst gestern Tenpura aus Süßkartoffeln probiert habe, was überaus köstlich war.


5. Spaghetti

Ja, die italienischen Nudel haben es bis in die japanische Küche geschafft, zumindest bis auf meinen Teller, denn oft mache ich mir zum Essen auch einfach nur eine Portion Nudeln. Da hier die bei uns übliche Tomatensoße nicht sehr verbreitet ist, muss ich diese stets selbst zubereiten. Dazu nehme ich dann passierte Tomaten und eine Auswahl an Gewürzen. Manchmal esse ich die Nudeln auch mit einigen getrockneten Zutaten und Gewürzen, die mir meine Mutter aus Deutschland geschickt hat. Ein Foto habe ich nicht gemacht, da ich denke, dass jeder sich vorstellen kann wie lange Nudeln aussehen.


6. Gyouza


Gyouza sind kleine Teigtaschen, die normalerweise mit Fleisch gefüllt sind. Sie erfreuen sich in Japan großer Beliebtheit, stammen aber ursprünglich aus China, wo sie jiaozi genannt werden. Die Zubereitung ist mannigfaltig und reicht vom Kochen in der Suppe, bis zum Anbraten in der Pfanne. Obwohl ich kaum Fleisch esse, bereite ich mir hier des öfteren Gyouza zu, da ich eine Sorte entdeckt habe, die in der Füllung viel Knoblauch und Schnittlauch hat, wodurch der Fleischgeschmack ein wenig in den Hintergrund tritt. Für gewöhnlich brate ich ein halbes Dutzend Gyouza in der Pfanne und würze sie mit einer beigelegten Soße, deren Inhalt ich nicht lesen kann.


7. (Davids-)Donburi


Donburi ist ein ebenso simples wie mannigfaltiges Gericht in Japan, das man fast überall bekommen kann. Eigentlich ist es nämlich nur eine Schale Reis mit irgendetwas obendrauf. Das "Irgendetwas" ist häufig gebratenes Fleisch, Geflügel oder Fisch. Oftmals mit Soße und/oder Salat. Man könnte also einfach eine Schüssel Reis nehmen und sein Hähnchengeschnetzeltes darauflegen und schon hätte man Hähnchen-Donburi, weshalb man sich Donburi wie ein deutsches Gericht mit Reisbeilage vorstellen kann, das lediglich anders arrangiert wird. In Japan haben sich natürlich bestimmte Donburi-Varianten als besonders populär erwiesen, die man häufig in Restaurants oder an Imbissbuden antrifft, doch theoretisch kann man sein ganz eigenes Donburi gestalten, was ich gelegentlich tue. Auf dem Bild habe ich beispielsweise einfach nur eine Mischung aus westlichem Gemüse auf meinen Reis gelegt und so mein ganz eigenes Donburi kreiert, das ich mit ein wenig Mayonnaise esse.

8. Dango


Dango ist eine Bezeichnung für japanische Fleischbällchen, die wie so viele Dinge in Japan in den verschiedensten Varianten gegessen werden können. Manchmal als gekochte Fleischbeilage für ein Gericht, in Suppen oder auch gebraten als eigenes Gericht. Auf Straßenfesten begegnet man gebratenen Dango oft an einem Spieß zum mitnehmen. Wenn ich mir Dango zubereite, dann oft als Bestandteil eines bunten Topfes. Dazu koche ich oft Kartoffeln oder Satoimo (japanische Kartoffeln) mit Dango und westlichem Gemüse, wie Karotten, Brokkoli und Blumenkohl, gieße die Brühe ab und lege alles in eine Schale. Mit einer ordentlichen Menge Soße hat man ein köstliches Gericht, für das man nicht viel Zeit aufwenden muss. Gelegentlich brate ich alles noch für eine Weile in der Pfanne an.

Dienstag, 17. Februar 2009

Blut auf dem Boden

Es gibt Tage, die wirken wie jeder andere, bis irgendetwas Besonderes passiert. Und genau so war es auch heute, Tag 138 in Japan.
Es war bereits spät am Abend und ich stand in der Wohnküche uns spülte gerade das dreckige Geschirr, das sich in den letzten Tagen angehäuft hatte. Yosuke stand nur zwei Meter entfernt an der Waschmaschine und räumte gerade seine Wäsche ein, während wir uns unterhielten. Und plötzlich hörten wir Lärm von draußen vor der Wohnungstür. Nun, es ist nicht unbedingt selten, dass jemand mal etwas lauter heimkehrt, schließlich wohnen wir in einem Gebäude, das größtenteils von Ausländern bewohnt wird, die insbesondere in der vorlesungsfreien Zeit abends ausgehen und dann etwas angetrunken mitten in der Nacht heimkehren. Es war erst kurz nach elf Uhr, was für partywütige Heimkehrer viel zu früh war, aber in den ersten Momenten machten sich Yosuke und ich gar keine Gedanken. Als die lauten Stimmen von draußen nach einer Weile noch immer nicht abgeebbt waren, wurden Yosuke und ich aber allmählich misstrauisch und wir schauten durch den Spion nach draußen, konnten aber nichts sehen. Eine laute, derbe Stimme tönte über allen anderen und brüllte laut auf japanisch durch die Gegend, doch Yosuke und ich konnten fast nichts verstehen, außer einigen wüsten Beschimpfungen. Wir wechselten Blicke, dann öffnete Yosuke die Tür und blickte hinaus. Ich konnte zwar nichts sehen, aber Yosuke schilderte mir kurz darauf, dass ein wohl sturzbetrunkener, alter Japaner einen alten Mann anbrüllte, der zwei Wohnungen von uns entfernt wohnte. Worum es ging konnten wir nicht ausmachen, aber der sturzbetrunkene Japaner wurde nicht müde den alten Mann immer wieder und wieder anzuschreien, während dieser nur dastand und sich am laufenden Band entschuldigte und verneigte. Irgendwann bemerkte einer der zahlreichen Männer, die mit dem Betrunkenen gekommen waren, Yosuke und teilte ihm lächelnd aber bestimmt mit, dass alles in Ordnung wäre. Im Hintergrund schrie der Betrunkene dem alten Mann weiterhin seine Hasstiraden entgegen. Und so schloss Yosuke erst einmal die Tür und berichtete mir alles.
Das Gebrüll nahm aber kein Ende und wir fragte uns warum niemand anderes aufmerksam wurde. Irgendwann hörten wir dann Gepolter von draußen und als Yosuke ein weiteres Mal vorsichtig die Tür öffnete, sahen wir wie der Betrunkene den alten Mann mit einem Regenschirm blutig schlug. Immer und immer wieder schlug er auf den alten Mann ein, der unentwegt eine Entschuldigung nach der anderen vor sich hinwimmerte. Und da konnten Yosuke und ich nicht länger tatenlos zusehen, denn offensichtlich war nicht alles in Ordnung. Yosuke lief eine Etage nach unten, um jemanden zu kontaktieren, der die Polizei rufen sollte, während ich alleine und ängstlich in der Wohnung stand und befürchtete, dass jeden Moment jemand meine Tür aufreißen würde, um mich nach draußen zu zerren. Worum der Streit inhaltlich ging, weiß ich nicht, aber offensichtlich hatte der Betrunkene mit seinen Anhängern die Machtposition inne, weshalb der alte Mann nicht einmal versuchte Gegenwehr zu leisten. Die ganze Zeit über vermutete ich irgendeinen Bezug zur Yakuza, der japanischen Mafia, begründen kann ich es aber nicht. Warum ging der alte Mann nicht einfach in seine Wohnung und schloss die Tür?
Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden zogen, kam ein ganzer Trupp Polizisten angestürmt und verschwand mit allen Beteiligten in der Wohnung des alten Mannes. Und das war auch fast das Letzte, was ich an diesem Abend mitbekam. Nur einige Zeit später kam eine Frau nach draußen und versuchte die gröbsten Blutflecken mit Terpentin vom Boden zu schrubben, um alle Erinnerungen an diesen Abend zu beseitigen. Für den Rest des Abends war es dann still, dennoch war Yosuke und mir der ganze Vorfall nicht ganz geheuer. Erst gegen Mitternacht, als schon seit geraumer Zeit nichts mehr zu hören gewesen war, schlich ich mich den Gang entlang zur Wohnung des alten Mannes. Die Tür war aufgebrochen und nur leicht angelehnt. Kein Wunder, dass er nicht versucht hatte einfach die Tür zu schließen. Ein wenig eingeschüchtert machte ich schnell ein paar Bilder, dann huschte ich wieder zurück. In meinen Ohren noch die Stimme des Betrunkenen, in meiner Nase noch der Geruch von Terpentin und in meinem Kopf eingebrannt das Bild von Blut auf dem Boden.


Bild1: Die Reste von Blut auf dem Boden. Eine Erinnerung, die man gerne aus dem Kopf verbannen würde.

Kreuzungen

Vor gut einer Woche hatte mich ein Freund aus Deutschland gefragt, ob er etwas in Japan bestellen und es an meine Adresse senden könne, damit ich das entsprechende Paket dann wiederum an einen Bekannten von ihm nach Spanien weitersenden könne. Warum der Aufwand? Nun, weil das japanische Unternehmen, bei dem der spanische Freund meines Bekannten etwas bestellen wollte, nicht ins Ausland lieferte. Und da mir alle entstehenden Kosten bezahlt werden sollten und ich sogar mit einer finanziellen Aufwandsentschädigung geködert wurde, biss ich sofort an und erklärte mich bereit das Paket anzunehmen und an der Post in Soka nach Spanien weiterzusenden. Am Samstag klingelte der Postbote bei mir und überreichte mir das entsprechende Paket früher als ich erwartet hätte, weshalb es nun an mir lag das Paket nach Europa zu versenden. Dabei gab es nur ein winziges Problem: Ich habe noch nie zuvor ein Paket ins Ausland geschickt.
Wie habe ich also den Morgen verbracht? Ich habe im Internet auf der offiziellen Seite der japanischen Post gelesen wie man ein Paket versendet, was man anzugeben und was man zu beachten hat. Und eines muss man den Japanern lassen, sie haben wirklich leicht verständliche und hilfreiche Erklärungen. Überall. Für alles. Vorausgesetzt man kann Japanisch oder zumindest Englisch. Und so habe ich sorgfältig die Anweisungen durchgelesen und alle Übersetzungen der japanischen Formulare vorsichtshalber auf einen USB-Stick gezogen, um in der Universitätsbibliothek alles noch einmal auszudrucken, damit ich für den Ernstfall alles parat hätte. Dann habe ich das Paket in eine große Tüte gesteckt und bin ein wenig aufgeregt in Richtung Universitätsbibliothek gelaufen, während ich mir die ganze Zeit Sätze im Kopf zurechtbastelte, die ich der Angestellten in der Postfiliale sagen würde.
Ein wenig misstrauisch schaute die Rezeptionistin in der Universitätsbibliothek, als ein großer Ausländer mit einem riesigen Paket sich durch die Bibliothek zu den Computern durchkämpfte und dort Platz nahm. Ich ließ mich aber nicht beirren und druckte mir alle notwendigen Dokumente aus, die ich dann ausgiebig mit Zusatznotizen versah. Vor allem mit meiner japanischen Anschrift hatte ich zu kämpfen, da diese in "westlicher Form" angegeben werde sollte, also erst Name, dann Straße, Stadt und Land. Nur leider passte die im Beispiel angegebene Adresse, die alles so einfach scheinen ließ, nicht im Geringsten auf meine Anschrift hier in Japan, weshalb ich ein wenig ratlos war wie ich meine Adressdaten auf die geforderten vier Zeilen aufteilen sollte. Ich schob dann solange Viertel, Bezirke, Stadtteile und diverse Nummern innerhalb der Zeilen umher, bis ich zufrieden war, dann schaltete ich den Computer aus und bereitete mich darauf vor mein Paket abzusenden. Auf dem Weg aus der Bibliothek traf ich auf Florian aus Bremen, der ebenfalls an einem Unirechner saß. War ich erst erstaunt darüber, dass er seine Zeit an den Computern der Universität verbrachte, obwohl es doch so viel bequemer war im Wohnheim das Internet zu nutzen, wurde mir schlagartig bewusst, dass der Anschluss, den sich Yosuke, Lee, Katharina und ich teilten eine große Ausnahme war. So unterhielt ich mich eine Weile mit Florian, um zu fragen, ob er bereits ein Paket ins Ausland geschickt hatte, woraufhin er bejahte und nur beiläufig meinte, dass es fast so wie in Deutschland wäre, was mir herzlich wenig weiterhalf, weil ich auch noch nie von Deutschland aus ein Paket versandt hatte.
Nachdem ich die Bibliothek verlassen hatte, kam jemand rufend auf mich zugelaufen. Es war Ayano, eine Freundin von Tak und Nobuko, die bereits zu Weihnachten zu mir gekommen ("Loslassen") und zu meinem Geburtstag eingeladen gewesen war, aber nicht hatte kommen können. Und so stand ich für weitere zwanzig Minuten in der Dokkyo-Universität und tauschte mich mit Ayano aus. Lachend berichtete sie von ihrer stressigen Arbeitssuche, mit der sie bereits seit Wochen beschäftigt war. Wegen der Wirtschaftskrise war es äußerst schwer eine Stelle zu finden, weshalb sie derzeit von Bewerbungsgespräch zu Bewerbungsgespräch lief, Seminar um Seminar absolvierte und immer wieder neue Stellenangebote suchte. Und zu allem Überfluss musste sie auch noch Arbeiten für die Universität schreiben, weshalb sie stets auf Achse war und nicht zu meinem Geburtstag hatte kommen können. Als ich ihr beiläufig von meinem Lernbuch für japanische Schriftzeichen erzählte, zeigte sie fast die gleiche Reaktion wie Tak einige Tage zuvor: Sie war zunächst verwundert, dass ich die Buchreihe kannte, unterhielt sich dann aber interessiert mit mir über japanische Schriftzeichen. Sie hatte bereits Stufe zwei erreicht, was einem Niveau von rund zweitausend Schriftzeichen sowie zahlreichen Ausnahmelesungen zu Ortsbezeichnungen und Namen entspricht. "Das scheint wohl eine recht bekannter Buchreihe für japanische Schriftzeichen zu sein, mit der ich lerne.", dachte ich mir, da scheinbar mehrere Personen sich bereits hatten einstufen lassen. Nachdem ich Ayano von meinem anstehenden Besuch bei der Post erzählte, bot sie mir freundlich an mich zu begleiten und das Paket für mich abzusenden, was ich aber nach einigem Zögern dankend ablehnte. Schließich wollte ich die Vorbereitung des gesamten Vormittags nicht über den Haufen werfen und einmal auf eigene Faust etwas erledigen. Dennoch ließ ich sie einen Blick auf meine mühsam zusammengeklebte Adresse werfen, damit sie diese gegebenenfalls noch berichtigen könne, doch zu meiner Überraschung war alles bereits korrekt und Ayano war sich sicher, dass alles problemlos klappen würde. Und so verabschiedeten wir uns und ich machte mich endlich auf den Weg zur Postfiliale.
Nachdem ich mir meinen Satz zurechtgelegt hatte, betrat ich mit meinem Paket die Filiale und stand vor zwei geöffneten Schaltern. Frohen Mutes stellte ich mich an die kürzere Schlange an und musste bereits meine erste Niederlage einstecken, als eine Angestellte mich höflich darauf hinwies doch bitte die andere Schlange zu benutzen. Natürlich hatte ich erst einmal das Gefühl, dass mich nun jeder anstarren würde, doch nachdem sich noch eine japanische Mutter und ein älterer japanischer Herr falsch angestellt hatten, war ich erleichtert, dass es wohl keineswegs selten war, dass sich jemand an die falsche Schlange anstellte. Nachdem ich eine Weile lang die andere Schlange beobachtet hatte, wurde mir auch klar, warum man sich dort nicht anstellte: Alle Kunden standen an der Schlange des ersten Schalters an und sobald der zweite Schalter frei wurde, wurde ein Kunde aus der ersten Schlange herüber gerufen. Und wer konnte dies schon wissen? Als ich an der Reihe war, sagte ich säuberlich meinen zurechtgelegten Satz auf, woraufhin die Angestellte nickte, mein Paket entgegennahm und mir ein Formular zum Ausfüllen in die Hand drückte. Also suchte ich mir eine freie Ecke und begann mein angelesenes Wissen in die Felder einfließen zu lassen. Und so hatte ich binnen weniger Minuten alles problemlos ausgefüllt und stand schon kurze Zeit später wieder in der Schlange und hoffte, dass es keine Schwierigkeiten geben würde. Und dem war auch so: Die Angestellte warf einen prüfenden Blick auf mein Formblatt, fragte noch einmal nach, ob das Paket auch wirklich nach Spanien gesandt werden sollte, wog es und trug die nötigen Daten in das Formular ein, bevor ich zahlte und fertig war. Ich war selbst ein wenig überrascht, dass alles so reibungslos funktioniert hatte und war nun ziemlich stolz, dass ich all dies ohne fremde Hilfe hatte bewerkstelligen können.
Auf dem Rückweg kreuzten sich meine Wege mit denen von Lee, die auf dem Weg zur Bank war um Geld für die Miete anzuheben. Und so lief ich spontan mit ihr und schoss ein paar Fotos von all jenen Dingen, die ich schon so oft gesehen und erwähnt, aber nie fotografiert hatte. Nachdem wir beide Geld abgehoben hatten, spazierten wir quer durch Soka zu der Agentur, die unsere Wohnung vermietet und bezahlten wie jeden Monat die Miete für den Folgemonat. Auf dem Weg dorthin trafen wir auf Lisa und Andrew aus Kanada, die auch bei uns im Wohnheim wohnten ("Sazae-san & Maruko-chan, hagoita & shouchuu"). Und nach einem kurzen Gespräch machten Lee und ich uns auf den Weg zum Wohnheim. Und so kam ich nach einem ereignisreichen Tag wieder im Wohnheim an, obwohl ich doch eigentlich nur ein Paket zur Post hatte bringen wollen. Und als ich mich schließlich vor den Computer setzte und darüber lächeln musste wie viele Leute ich heute getroffen hatte, musste ich schmunzeln, als ich auch noch eine E-Mail von Shinya aus den U.S.A. erhielt.


Bild1: Die Postfiliale nahe des Bahnhofs Matsubara-Danchi, an der ich mein Paket aufgegeben habe. Hier habe ich auch meine Postkarten zu Weihnachten abgeschickt.


Bild2: Ein Blick auf den Westeingang des Bahnhofs Matsubara-Danchi, den ich bereits so oft erwähnt habe.


Bild3: Auf dem Weg vom Bahnhof Matsubara-Danchi zur Dokkyo-Universität durchläuft man immer diese kleine Parkanlage in der sich ein paar modernen Skulpturen befinden, die sich im Wind bewegen. Im Hintergrund sieht man eine größere Wiese, auf der oftmals Kinder spielen oder ältere Leute diskutieren.


Bild4: Eine große Kreuzung von der ich in meinen ersten Tagen in Japan sehr begeistert war, da man die Straße in alle Richtungen überqueren kann. Man sieht auch, dass Japaner keineswegs nur kleine Autos fahren, sondern, dass man auf den Straßen so ziemlich die gleichen Autos fahren sieht, wie in Deutschland. Für gewöhnlich überqueren hier immer Massen von Studenten die Straße, da sich direkt im Hintergrund das Gelände der Dokkyo-Universität befindet.


Bild5: Ein Blick auf die Dokkyo-Universität. Im Vordergrund sieht man die riesigen Sportplätze, auf denen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit trainiert wird.


Bild6: Wenn man von der großen Kreuzung aus nach links läuft, entlang dem Gelände der Dokkyo-Universität, erreicht man das große Einkaufshaus Belx, wo ich oft und gerne einkaufe. Im Vordergrund sieht man den Kanal, der zwei Seiten der Dokkyo-Universität umschließt, rechts sieht man auch noch einen Zipfel des Sportplatzes.


Bild7: Seit viereinhalb Monaten kaufe ich hier gerne und regelmäßig ein: Das große Einkaufshaus Belx. In einem meiner ersten Beiträge habe ich einmal geschrieben, dass es hier verhältnismäßig günstiges Gemüse gibt ("Ein Tag im Supermarkt"). Im ersten Stock gibt es zudem einen Elektromarkt (Joshin) und ein Buchgeschäft. Im zweiten Stock befindet sich einer von den zahlreichen 100-Yen-Shops, die ich auch oft erwähne.


Bild8: Die Wohnungsagentur POLUS, die mir meine Wohnung vermietet. Einmal im Monat muss ich hier hinlaufen, um die Miete in bar zu bezahlen.


Bild9: Ein Blick auf Soka im Winter. Aufgenommen von meiner Haustür aus.


Bild10: Und ein Schwenk nach links. Man kann einen etwas trostlosen Kinderspielplatz sehen, auf dem nie Kinder spielen. Am Horizont gibt es manchmal etwas ganz Besonderes zu sehen. Darüber schreibe ich aber ein andermal.


Bild11: Grüße von Shinya aus den U.S.A., wo er ein Auslandssemester verbringt.

Sonntag, 15. Februar 2009

Über legendären Mais, fragwürdige Kunst und den Sparfisch

Es ist schon zu einer kleinen Tradition avenciert, dass wir uns in Japan zum Geburtstag gegenseitig zum Essen einladen. Tak brachte an seinem Geburtstag diesen Stein ins rollen, Katharina und Nobuko zogen nach und so schloss auch ich mich dem neuen Trend an und lud meine Freunde Tak, Nobuko, Katharina, Lee und Ayano zwei Tage nach meinem Geburtstag zu einem gemeinsamen Essen ein. Rechtzeitig kontaktierte ich alle und suchte mir auch schon ein Restaurant aus, damit wir nicht erst ziellos durch Soka laufen müssten. Und so kam der Abend stetig näher, bis es schließlich soweit war: Mein Geburtstagsessen am Abend von Tag 134 in Japan.
Was kann ich sagen? Der Abend verlief problemlos, ohne dass irgendetwas Negatives passiert wäre. Ayano musste leider kurzfristig absagen, was zwar bedauerlich war, einem amüsanten Abend aber nicht im Wege stand. Wie gewöhnlich bestellten wir die Speisekarte rauf und runter und hatten eine Menge Spass. Und so gut es ging, versuchte ich selbst die Zügel in die Hand zu nehmen, indem ich einige Getränke und Gerichte orderte, damit insbesondere Tak und Nobuko nicht alles für mich regeln mussten. Aber viel anschaulicher als mit Worten, lässt sich solch ein Abend immer in Bildern darstellen:


Bild1: Wie gewohnt wird in japanischen Restaurants eine Vorspeise gereicht. Diesmal war dies marinierter Bambus. Zumindest vermute ich dies, denn wie auch schon einige Male zuvor wusste niemand so recht, was sich genau in dem Schüsselchen befand.


Bild2: Ein Blick auf eine Auswahl unserer Speisen: Salat, ein Reisgereicht, Pizza und "legendärer Mais". Zumindest wurde er so in der Speisekarte betitelt. Allerdings waren wir uns alle einig, dass es einfach nur ganz normaler Mais mit Butter war.


Bild3: Ein ganz normales Eier-Omlett mit einer dekorativen Verzierung aus Ketchup.


Bild4: Katharina und Tak albern künstlerisch anspruchsvoll herum.


Bild5: Nobuko und ich.


Bild6: Tak und ich haben uns angewöhnt in Lokalen die Dekoration unter die Lupe zu nehmen, da wir uns oftmals nicht sicher sind, ob es sich wirklich um Dekoration oder einfach nur um ein unbeabsichtigtes Muster beim Verputzen oder ein Stück Holz handelt, das zufällig wie eine Maske wirkt. Heute Abend haben wir uns dafür entschieden, dass die Maske beabsichtigte Dekoration war, während wir über das vermeintliche Bild an Katharinas Geburtstag, das sich hinter Tak und mir befand, immernoch uneinig sind ("Gast und Gastgeber", Bild6/Bild7).


Bild7: Meine Geburtstagsgeschenke: Eine Halskette (Katharina), ein Terminplaner (Nobuko), ein Buch zum Lernen von japanischen Schriftzeichen (Tak), ein japanisches Buch über ein Kartenspiel, das niemandem niemand kennt (Katharina), ein Button und eine Grußkarte (Lee) und ein Sparfisch (Katharina).

Freitag, 13. Februar 2009

Ein ganz gewöhnlicher Geburtstag

Ich bin noch nie jemand gewesen, der seinen Geburtstag mit großen Veranstaltungen oder besonderen Ausflügen gefeiert hat. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich nicht einmal genau daran erinnern, wie ich in den letzten Jahren meinen Geburtstag verbracht habe. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass mein Geburtstag Ende Januar für gewöhnlich in der stressigen Phase vor den Klausuren liegt, zu deren Zeitpunkt jeder mit Lernen beschäftigt ist und man, selbst wenn man wollte, gar keine großen Veranstaltungen abhalten kann. Darum war mein Geburtstag in den letzten Jahren nicht viel mehr als ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem man aus gegebenem Anlass mehr E-Mails und Anrufe als sonst erhielt. Und so war auch Tag 132 in Japan, mein 23. Geburtstag, keine Ausnahme: Es war eigentlich ein ganz gewöhnlicher Tag.
Meine Freundin Helene hatte für diesem Tag treffend festgestellt, dass es immerhin einmal ein Geburtstag sei, an dem ich mich nicht in der Klausurvorbereitung befände, was auch stimmte. Sehr viel änderte es allerdings nicht, weil jeder um mich herum beschäftigt war: Tak musste Hausarbeiten schreiben, Katharina hatte ganztags Praktikum, Ayano war mit Bewerbungsgesprächen und Stellensuche ausgelastet, Lee hatte Unterricht und Nobuko war auch mit ihrem universitären Alltag beschäftigt. Um aber doch nicht vollkommen alleine dazusitzen, hatte ich für das Wochenende alle zu einem gemeinsamen Essen im Restaurant eingeladen, genauso wie ich es von Taks, Katharinas und Nobukos Geburtstag kannte. Für meinen eigentlichen Geburtstag erwartete ich somit nicht viel, vielleicht würden abends Lee und Katharina vorbeischauen, vielleicht sogar Tak, obwohl dieser schon vorher angemeldet hatte, dass er sehr viel um die Ohren hatte.
Und so begann mein Geburtstag pünktlich um Mitternacht mit den Glückwünschen meiner Freundin Ninja übers Telefon, was eine kleine, aber feine Variante des verbreiteten "Hineinfeierns" war. Nachdem ich dann meinen Geburtstag bis zum Vormittag verschlafen hatte, verbrachte ich den Tag dann sehr bodenständig: Ich kochte mir Mittagessen, lernte, las und räumte auf. Aber eine Sache war doch anders: Den ganzen Tag über erhielt ich Glückwünsche über E-Mails, Kommentare oder Anrufe, was mich ein wenig rührte, da ich weitaus mehr Glückwünsche erhielt, als ich es noch von den Jahren zuvor gewohnt war.
Am Abend klingelte es dann und Tak stand vor der Tür. Und nachdem er grinsend nachfragte, ob ich wirklich gedacht hätte, dass er mich an meinem Geburtstag alleine sitzen lassen würde, zog er sich die Schuhe aus, schlurfte in mein Zimmer und ließ sich auf den Boden fallen. "Müsstest du nicht Hausarbeiten schreiben?", fragte ich ihn neugierig, woraufhin er schlapp auf dem Fußboden liegend nuschelte, dass er soeben seine Arbeiten abgegeben habe und nun seit über achtundvierzig Stunden nicht mehr geschlafen habe. Als ich ihm anbot sich wenigstens auf das Bett zu setzen, schaute er nur zu mir hinüber und stellte ernst fest: "Wenn ich mich jetzt auf etwas Weiches und Bequemes setze oder lege, schlafe ich sofort ein. Deswegen bevorzuge ich den Fußboden.". Und darum setzte ich mich zu Tak auf den Fußboden und präsentierte ihm nach einem kurzen Gespräch mein Lernbuch für die Japanische Sprache, was er mit einem Lachen in die Hand nahm. "Ist das Buch so schlecht, dass du lachst?", fragte ich. "Nein, nein. Aber das kenne ich, das Buch. Mit genau dem habe ich zu meiner Schulzeit auch lernen müssen. Das ist ja nostalgisch.", antwortete er und begann mit glitzernden Augen mein Lernbuch durchzublättern. "Ich sollte auch wieder Schriftzeichen lernen, ich habe die alle schon wieder vergessen.", stellte er beim Anschauen fest, woraufhin ich ihn aus zugekniffenen Augen anstarrte: "Nimmst du mich auf den Arm? Du kannst die doch alle.". Tak warf mir einen langen Blick zu, dann schlug er das Buch auf einer beliebigen Seite auf und ratterte die Lesungen aller Schriftzeichen auf der Seite so schnell herunter, dass ich nicht einmal folgen konnte und überrascht feststellen musste, dass er bereits fertig war, als ich noch irgendwo in der Mitte versuchte den Anschluss zu finden. "Das Lesen ist Kinderkram. Aber der Rest?", sagte er mit einem vielsagenden Blick und schlug das Buch auf einer anderen Seite auf. Für eine Weile blickte er auf eine Aufgabenstellung, dann schüttelte er lachend den Kopf: "Ich kann diese Aufgabe nicht lösen. Ich müsste raten.". "Echt?" fragte ich erstaunt und überlegte kurz: "Ich habe mal gehört, dass viele jungen Leute in Japan große Probleme haben noch selbst japanische Schriftzeichen zu schreiben, weil sie heutzutage viel öfter alles mit den Computer schreiben.". "Genau", pflichtete mir Tak bei und begann auf einem Stück Papier ein Schriftzeichen zu schreiben, über das wir kurz zuvor gesprochen hatten. "Ich weiß nicht welche Striche hier hin müssen. Wenn ich es sehen würde, erkenne ich es sofort. Aber es selbst zu schreiben, das ist echt eine Herausforderung.", sagte er und tippte eine Weile lang mit der Stiftspitze auf das unvollendete Schriftzeichen, bis ich den Stift nahm und den fehlenden Bestandteil hineinschrieb. Tak schaute eine Weile darauf, bis er nickte und mit einem Blick zu mir schaute, der zu fragen schien "Habe ich es dir nicht gesagt?", dann sagte er: "Schau, du kannst das besser als ich! Deswegen müsste ich das unbedingt auch wieder lernen.". Und so erzählte er mir, dass er vor einigen Jahren einen begleitenden Test zu meiner Lernbuchreihe gemacht hatte und auf Stufe drei eingestuft worden war, was der aktiven Beherrschung von rund 1600 japanischen Schriftzeichen entspricht, wohingegen ich nach Beendigung des Lernbuchs offiziell rund 1000 Schriftzeichen beherrschen sollte. Eigentlich beherrschte ich aber weitaus mehr, was schlichtweg damit zusammenhängt, dass ich nun mit mittlerweile vier verschiedenen Lernbüchern gelernt hatte, die alle unterschiedliche Schriftzeichen lehrten.
Einige Zeit später klingelte es erneut und Katharina stand in der Tür, gratulierte mir und drückte mir Getränke in die Hand, die sie soeben gekauft hatte: "Ich wollte nicht mit leeren Händen zu deinem Geburtstag kommen, obwohl du dein eigentliches Geschenk erst Übermorgen bekommst, wenn wir essen gehen.". Und so trat sie in die Wohnung, zog ihre Schuhe aus und setzte sich in meinem Zimmer auch zu Tak auf den Fußboden. Und dann verbrachten wir den Abend damit uns im Internet gegenseitig lustige Videos zu zeigen und über deutschen und japanischen Humor zu diskutieren. Als Katharina und ich Tak einige deutsche Videos zeigten, versuchte ich möglichst schnell das Gesagte ins Englische zu übersetzen, damit Tak überhaupt etwas verstehen konnte, was zu meinem Erstaunen auch erstaunlich gut funktionierte. Irgendwann klingelte dann Taks Mobiltelefon und Nobuko rief an, um mir persönlich zu gratulieren, offensichtlich hatte sie gewusst, dass Tak bei mir war. Und so telefonierte ich über eine halbe Stunde lang mit Nobuko und hatte das Gefühl noch einen weiteren Gast zu Besuch zu haben.
Als es schließlich später wurde und alle Hunger bekamen, kochte ich für alle einen großen Topf Spaghetti, bei dessen Verzehr alle hungrig zulangten. Danach machten sich Katharina und Tak nach mehreren Stunden auf den Heimweg, beide waren erschöpft und wollten endlich in ihr Bett fallen und schlafen. Also verabschiedeten wir uns voneinander und ich schlurfte zurück in mein Zimmer. Und glücklich setzte ich mich auf mein Bett und lernte den Rest des Abends fleißig weiter Japanisch, wie jeden Abend. Und so war es im Großen und Ganzen ein Geburtstag wie jeder andere: Keine aufwendige Feier, kein besonderer Ausflug, nicht einmal große Geschenke oder ausgefallene Glückwünsche. Aber das war auch gar nicht nötig, denn ich war vollkommen glücklich und zufrieden, wie an all den Geburtstagen in den Jahren zuvor. Und so war es eben ein ganz gewöhnlicher Geburtstag.

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Anmerkung: Es ist reiner Zufall, dass der Beitrag über meinen Geburtstag gleichzeitig auch mein 100. Beitrag auf diesem Blog ist. Somit also doppelter Grund zum Feiern.

Abenteuer beim Friseur

Man könnte annehmen, dass ich nach über vier Monaten in Japan genug Erfahrungen gesammelt habe, um einigermaßen unbeschadet den Alltag zu überstehen. Dass ich nun problemlos einkaufen gehe, ohne größere Schwierigkeiten mit der Bahn fahre und auf simple Fragen spontan und ohne größere Verzögerungen antworten kann. Und tatsächlich: Mit all diesen alltäglichen Dingen habe ich keine Probleme mehr: Ich weiß wie ich an unbekannten Bahnhöfen meinen Anschlusszug finde, kann der Verkäuferin sagen, dass ich keine Tüte benötige oder gerne ein paar Essstäbchen hätte, kann mich entschuldigen, wenn ich jemanden anremple, und kann lächelnd antworten, wenn mir die Verkäuferin im Buchladen anbietet mein neues Buch in ein Papiercover einzuwickeln. Ja, in diesen alltäglichen Situationen ist meine anfängliche Unsicherheit und Aufregung verschwunden. Aber dies soll keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass es immer noch jene Situationen gibt, in denen ich vollkommen verängstigt und hilflos um Worte ringe, weil ich gar nichts verstehe, so wie beispielsweise an jenem Tag an dem ich einfach nur meine Haare schneiden lassen wollte.
Das ist auch wieder so eine Sache, deren Schwierigkeit einem erst dann bewusst wird, wenn man längere Zeit im Ausland ist: Haare schneiden. Über so etwas macht man sich keine Gedanken, wenn man für ein paar Wochen in Spanien ist oder seinen Schwedenurlaub genießt. Erst wenn man für längere Zeit im Ausland ist und nicht das Glück hat lange Haare zu haben, bei denen es nicht stört, wenn sie ein Jahr lang ungestört wachsen, wird einem irgendwann schmerzlich bewusst, dass die einst so schön anzuschauende Haarpracht einem wirren Wischmop gewichen ist, der sich partout nicht ansehnlich zurechtmachen lässt. Und alles was einem dann bleibt, ist der unvermeidliche Gang zu einem Friseur in der Fremde. Wer mich kennt, weiß dass ich selbst nie so genau weiß wie ich meine Haare geschnitten haben möchte, was dem Friseur die Arbeit natürlich nicht unbedingt erleichtert. Erst nach einer kurzen Debatte und Kommentaren wie "Sie sind der Profi, nicht ich." schneidet der Friseur dann für gewöhnlich irgendetwas auf meinem Kopf zusammen, was ich dann für die nächsten Wochen trage. Dass diese inländische Taktik im Ausland natürlich nur schwer zu bewerkstelligen ist, war mir natürlich schon im Vorhinein bewusst, weshalb ich mir für meinen Friseurbesuch in Japan eine andere Strategie zurecht gelegt hatte: Irgendetwas sagen und dann Augen zu und durch. Irgendwie würden die Haare schließlich kürzer werden.
Es war Tag 130 in Japan und drei Tage waren vergangen seitdem ich mit Lee schon einmal vor einem günstigen Friseurladen gestanden hatte, um mir eine neue Frisur schneiden zu lassen. Doch weil Lee sich noch nicht sicher gewesen war wie sie ihre Haare hätte schneiden lassen sollen, waren wir tatenlos wieder zurückgegangen. Allerdings hatte sie mir fest versprochen in ein paar Tagen gemeinsam noch einmal zum Friseur zu gehen, diesmal ausreichend vorbereitet. Heute war es dann soweit und wir beide liefen gemeinsam quer durch Soka zum Friseur. Als wir aber vor dem Eingang standen, bemerkte ich bereits wie Lee immer unsicherer wurde und ich sie gerade zu vorwärts schieben musste, um die Treppe zum Friseurladen emporzusteigen. Direkt vor dem Eingang stellten wir fest, dass es zwei Eingänge gab, einen für Frauen, einen Männer. Und hier passierte natürlich das, was ich bereits geahnt hatte, nachdem Lee vor drei Tagen versucht hatte dem unausweichlichen Friseurtermin zu entkommen: Sie sprang im letzten Moment ab und entschied doch nicht zum Friseur zu gehen. Ich war ehrlich gesagt wenig überrascht, war mir die Wankelmütigkeit von Katharina und Lee doch schon seit seit geraumer Zeit bekannt ("Für Nobuko nach Ueno"). Um mich nicht wieder auf einen späteren Termin vertrösten zu lassen, aus dem sich Lee vermutlich wieder einmal herauswinden würde, ließ ich Lee von dannen ziehen und schritt alleine in den Friseurladen.
Als ich den Laden betrat, drehten sich alle Angestellten zu mir um und begrüßten mich, woraufhin ich ein wenig unsicher nickte und darauf wartete, dass mich jemand anwies, was ich zu tun hatte. Nachdem ich dann für eine kurze Weile ziemlich hilflos im Eingangsbereich gestanden hatte, kam ein Angestellter auf mich zu, wies mich an die Jacke auszuziehen, ihm zu folgen und Platz zu nehmen. Da er aber auf keinen bestimmten Stuhl zeigte, blieb ich ein wenig verwirrt stehen und fragte unsicher "Wo?" woraufhin der Angestellte ziemlich verwirrt schaute und ich einfach irgendwo Platz nahm. Ob das nun richtig war oder nicht, weiß ich nicht, aber ich wollte zu diesem Zeitpunkt den neugierigen Blicken der anderen Angestellten entgehen, die alle argwöhnisch zu mir hinüber äugelten. Und so hoffte ich auf meinem Platz unsichtbar zu werden, was natürlich nicht geschah.
Als mich der Angestellte schließlich fragte wie ich meine Haare gerne geschnitten haben würde, spulte ich ein paar Sätze ab, die ich mir vorher zurecht gelegt hatte und die im Grunde herzlich wenig aussagten. Und so war es nicht sehr verwunderlich, dass der Angestellte begann mich auf japanisch nach meinen Präferenzen zu befragen. Und dann begann es: Meine Hände wurden feucht und hinter meiner Stirn rasten die Gedanken, denn ich verstand kein einziges Wort. Dies lag jedoch nicht daran, dass ich aufgeregt gewesen wäre, nein, es lag schlicht und einfach daran, dass ich noch nie die japanischen Ausdrücke für "Spitzen schneiden", "Haare bleichen", "Kotletten", "Nacken ausrasieren" oder Ähnliches gehört hatte. Nicht einmal "Haare schneiden" wurde durch eine simple Übersetzung wie "Haare" und "schneiden" ausgedrückt, nein, auch hierfür gab es einen Ausdruck, den ich nie zuvor gehört hatte. Und so stotterte ich vor mich hin, während auch der Angestellte vollkommen ratlos war und die anderen Angestellten mitleidig zu uns hinüber blickten. Als der Angestellte dann versuchte mit seiner Schere und seinem Kamm an meinen Haaren irgendetwas pantomimisch darzustellen, stimmte ich irgendwann einfach nur noch zu und warf gelegentlich ein "Ein wenig länger wäre besser" ein, um wenigstens anstandsvoll nichts zu verstehen.
Und so schnitt der Angestellte schließlich ein wenig ziellos auf meinem Kopf herum. Da ich ohnehin nicht wußte welche Frisur ich haben wollte, kam mir gar nicht in den Sinn den Friseur zu unterbrechen oder Anweisungen zu geben und ich stimmte seiner Arbeit auch ganz überzeugt zu, als er mir nach wenigen Minuten sein Ergebnis präsentierte. Um nicht unangenehm aufzufallen, saß ich einfach so lange in meinem Stuhl, bis mich irgendjemand auffordern würde aufzustehen. Und so schlecht war diese Taktik gar nicht, denn als ich bereits dachte, dass es vorüber wäre, kam ein älterer Angestellte angeschlurft, der sich anschickte mir den Nacken auszurasieren. Arbeitsteilung, dachte ich mir zu diesem Zeitpunkt, da hier offensichtlich jeder der Angestellten eine andere Funktion hatte. Und die Funktion des älteren Mannes war es offensichtlich mir den Nacken mit einem Rasiermesser und echtem Rasierschaum auszurasieren. Trotz meiner Anspannung, war ich doch neugierig wie es sich wohl anfühlen würde professionell rasiert zu werden, schließlich kannte ich bis dato nur die gewöhnliche Rasur mit meinem Rasierer mit Wegwerfklingen und Billigrasierschaum aus dem Drogeriemarkt. Umso überraschter war ich, als der alte Mann mir den heißen Rasierschaum auf den Nacken strich und begann mich zu rasieren. Und das erste Mal seit meinem Friseurbesuch begann ich mich zu entspannen. Ich genoss die Arbeit des alten Mannes so sehr, dass ich wohl friedlich eingedöst wäre, wenn er noch einige Minuten länger mit seinem Rasiermesser über meinen Nacken gestrichen wäre.
Nachdem er seine Arbeit beendet hatte, blickte der ältere Angestellte mich lächelnd an und versuchte möglichst ausländisch "Okeee?" zu fragen, woraufhin ich versuchte möglichst japanisch "Okay!" zu antworten. Dann wies er mich an ihm zur Kasse zu folgen, wo ich dann problemlos bezahlte. Ein wenig peinlich war es mir, als der alte Mann die gesamte Zeit aufmerksam neben mir stand, bis ich meinen Schal, meine Mütze und meine Jacke angezogen und mein Portemonnaie in meiner Hose verstaut hatte, um mich dann zu verabschieden. Ich bedankte mich und erschrak regelrecht, als mir, wie bereits zum Beginn, jeder Angestellte im Laden eines Dankesfloskel entgegenrief. Erwartungsvoll schauten mich alle an, bis ich mittellaut noch einmal ein Dankeschön in den Laden rief und mich unsicher ein wenig verbeugte. Dann verließ ich den Friseurladen in einer Mischung aus Verbeugung und Rückwärtslaufen, bis die Tür zugefallen war und ich wieder ganz gewöhnlich zur Straße lief und mich langsam von meinem Abenteuer beim Friseur erholte. 
Auf vieles an diesem Besuch blicke ich nun lachend zurück, doch innerhalb der Zeit, in der ich dort stotternd und schwitzend saß, war ich vollkommen verunsichert und aufgeregt und mir war so gar nicht zum Lachen zumute. Doch müsste ich nun ein zweites Mal dorthin gehen, wäre ich nun wohl besser vorbereitet, da ich nun weiß, was auf mich zukommt. Und so ist es mit all den scheinbar simplen Alltagssituationen, die mir hier in Japan widerfahren. Anfangs ist alles neu und man ist verunsichert, doch schon nach einer gewissen Zeit lernt man mit den unbekannten Situationen umzugehen. Dennoch wünsche ich mir manchmal, dass meine Sprachfähigkeiten und mein Hörverständnis ein wenig besser ausgeprägt wären, damit ich in einigen Situationen nicht vollkommen hilflos wäre. Zugegebenermaßen ist ein Friseurbesuch aber auch keine alltägliche Situation, die man im Ausland ohne weiteres bewältigen sollen müsste. Und so werde ich wohl noch recht lange amüsiert auf meinen ersten Friseurbesuch in Japan zurückblicken.

Dienstag, 10. Februar 2009

Das marui-Mysterium

Auch wenn man einmal nichts Besonderes unternimmt und nur Alltägliches zu erledigen hat, macht es viel mehr Spass dies mit jemandem zusammen zu machen. Und darum bin ich heute gemeinsam mit Lee einkaufen gegangen. Und damit wir nicht immer zu den gleichen Einkaufsmärkten wie sonst auch gehen, sind wir bis zum Bahnhof von Soka gelaufen, um in dem dortigen Einkaufszentrum unsere Einkäufe zu erledigen. Vielleicht erinnert sich sogar noch jemand daran, dass ich einmal das riesige Einkaufszentrum "marui" erwähnt habe, das sich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs über mehrere Stockwerke erhebt (Alien sucht DVD).
Wenn man vom gewöhnlichen Krimskrams und Nahrungsmitteln absieht, gab es zwei Dinge, nach denen ich heute Ausschau halten wollte: Gabeln und Handtücher. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich mir zusammen mit einem neuen Paar Essstäbchen und zwei Tellern auch zwei neue Gabeln gekauft hatte (Von Tellern, Gabeln, Schüsseln und Stäbchen), da in Yosuke und meinem Haushalt stets nur eine einzige Gabel zu finden war. Nachdem ich an jenem Tag stolz mein neues Paar Gabeln erworben hatte, war ich der Ansicht gewesen, dass das Gabelproblem gelöst wäre. Doch bereits nach einigen Tagen staunte ich nicht schlecht, als ich den Griff meiner Gabel in der Hand hielt, während die andere Hälfte meines Essbestecks noch in meinem Abendessen steckte. Und obwohl ich beide Teile wieder notdürftig zusammensteckte, war die Gabel hinüber und es war fortan immer ein Glücksspiel irgendetwas mit ihr zu essen, da sie zu zwanzig Prozent auseinander fiel. Und als sich genau dieses Schauspiel einige Tage später auch noch mit meiner zweiten neuen Gabel wiederholte, wusste ich, dass es an der Zeit war wieder neue Gabeln zu besorgen, diesmal aber vorsorglich aus einem Guss. Nach Handtüchern wollte ich suchen, da ich seit Beginn meinem Japanaufenthaltes nur zwei Handtücher hatte, was immer ein wenig umständlich war, da stets eines in der Wäsche und das andere in Benutzung war. Aufgrund dieser intensiven Nutzung in den letzten Monaten begannen die Handtücher allmählich erste Abnutzungserscheinungen zu zeigen, weshalb es mir sinnvoll erschien sich schon einmal frühzeitig nach einer möglichen Ablösung für meine alten Handtücher umzusehen.
Als Lee und ich schließlich im Einkaufszentrum "marui" ankamen, war es keine Herausforderung im 100-Yen-Shop ein zwei Gabeln zu finden, die mein Gabelproblem endgültig lösen sollten. Von brauchbaren Handtüchern hingegen war keine Spur zu finden. Vermutlich gibt es keine qualitativen Handtücher für 100 Yen, dachte ich mir und begann mit Lee durch das riesige Einkaufszentrum zu laufen. Ich fand alles, von Bettwäsche, über Staubsauger, Pralinen, Briefumschläge bis hin zu teurem Schmuck, doch nirgends fielen mir Handtücher ins Auge. Und da ich dies nicht wahrhaben wollte, lief ich noch einmal verwirrt durch alle Ebenen, die Wäsche oder Hygieneartikel anboten. Erfolglos. Wo waren die Handtücher? Als ich schließlich in das unterste Kellergeschoss kam, entdeckte ich sogar einen neuen Supermarkt, der mir bisher noch nie zuvor aufgefallen war, doch auch hier war von Handtüchern keine Spur. Ob es in Japan wohl notwendig war in ein Fachgeschäft für Handtücher zu gehen, da man diese nicht in Kaufhäusern verkaufte? Ich wußte es nicht und ließ das Handtuchproblem zunächst einmal auf sich beruhen.
Da wir beide schon seit einigen Tagen darüber geredet hatten, schauten Lee und ich nach unsere Irrlauf durch das Einkaufszentrum "marui" bei einem Friseur in der Nähe des Bahnhofs vorbei. Im Gegensatz zu den kleineren Friseurgeschäften überall in Soka, bei denen man als Mann rund fünfunddreißig Euro für einen simplen Kurzhaarschnitt bezahlen musste, konnte man sich bei diesem Friseur die Haare recht günstig schneiden lassen. Wäre es nach mir gegangen, wären wir einfach in das Geschäft gegangen, um uns die Haare umstylen zu lassen, doch Lee traute sich nicht so recht und wollte lieber erst nächste Woche zum Friseur gehen. Also ließ ich mir von ihr zusichern, dass wir ganz sicher zum Beginn der kommenden Woche noch einmal diesen Friseurladen aufsuchen würden. Erst dann machten wir uns auf den Weg zurück ins Wohnheim.

Sonntag, 8. Februar 2009

Bum?

Als ich Lee heute auf dem Weg zur Universität getroffen habe, hat sie scherzhaft festgestellt, dass wir beide bums sind. Bum? In der Regel verstand ich immer, was mir mitteilen wollte, aber das englische Wort bum kannte ich noch nicht, also hakte ich nach. Und laut ihrer Erklärung musste es wohl soetwas wie Faulpelz heißen, was mich ein wenig irritierte. Zwar nickte ich lächelnd und pflichtete ihr bei, doch als ich mich wieder auf den Weg zur Universität machte, dachte ich genauer darüber nach: War ich ein Faulpelz?
Ich hatte mir das Wort Faulpelz immer so erklärt, dass jemand keine Motivation hatte etwas zu machen. Aber das war bei mir eigentlich nicht der Fall, denn für mein Empfinden machte ich so viel, dass ich oftmals nicht einmal alles schaffte, was ich mir vorgenommen hatte. Das Problem war vielleicht eher, dass ich meine Zeit Dingen widmete, die ich mir selbst auflud, und somit hatte ich keine von Fremden aufgetragenen Verpflichtungen zu erfüllen. Denn in der Regel erfüllte ich meinen Tag mit meinem eigenen, kleinen Sportprogramm, dem eigenen Zubereiten von Mittag- und Abendessen, dem Übersetzen meiner japanischen Mangabände, dem Schreiben von Artikeln für mein Blog und dem Durcharbeiten eines Lehrbuchs für japanische Schriftzeichen. Und wenn man dann noch all die vielen kleinen Verpflichtungen einbezieht wie Abspülen, Wäsche waschen, Einkaufen gehen und die täglichen Körperpflege, dann ist so ein Tag immer recht schnell vorbei. Bin ich also ein Faulpelz? Schließlich habe ich mehr als genug Aufgaben, denen ich mich widme. Und es kommt sehr oft vor, dass ich mich abends schweren Herzens entscheiden muss, ob ich nun die nächsten zwei Seiten in meinem Lehrbuch durcharbeite oder doch lieber einen neuen Artikel für mein Blog schreibe.


Bild1: Ich verbringe viel Zeit damit dieses Buch durchzuarbeiten und mir alle unbekannten Schriftzeichen und Wörter herauszuschreiben und zu lernen. Die Blätter zeigen eine kleine Auswahl an Wörtern, die ich mir notiert habe.


Bild2: Da ich die japanische Manga-Reihe "One Piece" sehr gerne mag, kaufe ich mir hier in Japan immer die Bände in Originalsprache und übersetze sie für mich. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Lernunterlagen lässt sich mit diesen Manga hervorragend gesprochene Umgangssprache trainieren. Ein Band hat etwa 200 Seiten.


Und so entschied ich für mich selbst, dass ich trotz Lees Bemerkung kein bum war, sondern derzeit einfach keine wichtigen Verpflichtungen hatte und somit meine Zeit mit Hobbys und Selbststudium verbrachte. Ein Motivationsproblem hatte ich nicht, denn schließlich hatte ich viel Spass an all den Dingen, die ich machte, und musste mich manchmal selbst bremsen nicht zu viel zu lernen oder zu viel zu lesen. Und so lief ich zur Universitätsbibliothek um für eine Freundin in Deutschland die Regale nach Literatur zu durchforsten. Und wie ein Faulpelz fühlte ich mich dabei sicher nicht.

Ein-Mann-Putzkolonne

Was macht man, wenn man schon am Morgen weiß, dass man heute nichts Besonderes vor hat? Man lässt den Tag gemächlich angehen. Und so habe ich heute, Tag 123 in Japan, erst einmal lange im Bett gelegen, bin nach dem Duschen in meine Jogginghose geschlüpft, habe mir Essen gemacht und ein wenig Zeit vertrödelt, indem ich an meinem Laptop gesessen habe. Und so wäre der Tag wohl vollkommen ereignislos vorübergezogen, wäre nicht um kurz nach drei Uhr eine E-Mail in meinem Posteingang angekommen.
Gemütlich auf meinem Bett liegend prüfte ich die E-Mail und stellte fest, dass sie von Tak kam. Er schrieb, dass er gerade in der Bibliothek sei und wir uns doch treffen könnten, wenn wir in so unmittelbarer Nähe seien. Und da ich mich natürlich über jeden Besuch glücklich schätzte, schrieb ich ihm, dass ich mich freuen würde, wenn wir uns träfen. Doch in jenem Moment, in dem ich die E-Mail abgesendet hatte, blickte ich mich um und mir wurde eines schlagartig bewusst: Die Wohnung war vollkommen chaotisch: Ich lag in schlabbriger, benutzter Wäsche in meinem zerwühlten Bett, auf dem Boden stand das benutzte Geschirr von Mittagessen, es flogen Lernunterlagen umher, in der Ecke lag ein Haufen frisch gewaschener Wäsche, die noch zusammengelegt werden musste, in der Küche standen noch die Kochutensilien und überall flogen Staubflocken umher. Und so blickte ich für einen Augenblick vollkommen gedankenverloren auf das Chaos, bis ich wie von der Tarantel gestochen aufsprang und gleichzeitig begann meine dreckige Wäsche auszuziehen, neue Kleidung anzulegen, mir die Zähne zu putzen und mich zu rasieren. Wie wild rannte ich durch die Wohnung und versuchte zumindest den gröbsten Dreck der letzten Tage zu beseitigen. Gedanklich rechnete ich damit, dass Tak in etwa fünfzehn Minuten vor der Tür stehen würde und dementsprechend schnell hastete ich zwischen Mülltüte, Spülbecken und Wäscheschrank umher, spülte das Geschirr, wischte den Tisch, fegte den Boden, machte mein Bett, legte meine Wäsche zusammen und räumte alles weg, was mir zwischen die Finger kam.
Nach rund zwanzig Minuten war ich selbst überrascht darüber, wie schnell man eine Wohnung scheinbar auf Hochglanz bringen konnte. Doch Tak war noch nicht da und so setzte ich meinen Reinigungswahn fort: Ich säuberte die Toilette, reinigte das Waschbecken, räumte meinen Schreibtisch auf und stellte das getrocknete Geschirr in den Geschirrschrank. Und da Tak sich ziemlich zu verspäteten schien, blieb mir danach immer noch Zeit, um den Boden feucht zu wischen, meine Uniunterlagen zu sortieren, die Küchenzeile zu reinigen, den Müll nach unten zu bringen und mein Zimmer ein wenig zu dekorieren.
Es muss wohl so gegen kurz vor fünf gewesen sein, als mir nichts mehr einfiel, was ich noch reinigen könnte, und in mir der Verdacht keimte, dass Tak nicht kommen würde. Ich überprüfte das E-Mail-Postfach, doch Tak hatte mir weder abgesagt noch geschrieben, dass er später kommen wollte. Und so saß ich ein wenig unschlüssig in der blitzblanken Wohnung und wusste nicht, was ich nun tun sollte. Und als ich dann Taks E-Mail wieder und wieder las, dämmerte mir allmählich, dass Tak gar nicht zu mir kommen wollte, sondern mich in die Universität eingeladen hatte. Ich blickte auf die Uhr und musste erst einmal schlucken, als mir klar wurde, dass Tak nun schon seit über einer Stunde dort auf mich wartete. Also zog ich mir hastig Schuhe, Jacke, Mütze und Schal an und lief durch das dämmernde Soka zur Dokkyo-Universität. Und als ich die Stufen zur ICZ heraufgestiegen war, sah ich dort ganz alleine in der Abteilung für englische Kommunikation Tak an einem Laptop sitzen. Ich ging ein wenig schief lächelnd zu seinem Tisch und entschuldigte mich, dass ich so lange gebraucht hatte. Und als ich begann von dem Missverständnis beim Lesen der E-Mail zu erzählen, winkte er ab und lächelte nur: "Ich habe seit der E-Mail an dich mein E-Mail-Postfach gar nicht mehr überprüft und weiß nicht von welcher Antwort-E-Mail du redest, aber ich bin froh, dass du gekommen bist.". "Ach, das ist ja jetzt auch egal", erwiderte ich erleichtert und fügte grinsend hinzu: "Und du wirst nicht glauben wie sauber meine Wohnung zur Zeit ist.". Da blickte Tak ein wenig verwirrt und schüttelte den Kopf. Und dann genossen wir unser abendliches Treffen, nachdem wir uns schon so lange Zeit nicht mehr zu zweit getroffen hatten.

Freitag, 6. Februar 2009

Zwei verschiedene Welten

Auch wenn ich hier in Japan oft Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden habe, die mich über einige aktuelle Entwicklungen in Deutschland auf dem Laufenden halten, bin ich hier in Japan doch ziemlich abgeschnitten von der Außenwelt. Hier kann ich abends nicht die Tagesschau sehen, kann keinen Blick auf die Titelseite der Zeitungen am Kiosk werfen oder lauschen, worüber die Leute um mich herum diskutieren. Mein Japanisch ist einfach noch zu unsicher, als dass ich im Vorbeigehen die Themen des Tages aufschnappen könnte. Und da ich hier nie den Fernseher einschalte und keine überregionalen Zeitungen in meinem Briefkasten liegen habe, rauscht das Alltagsgeschehen in Europa größtenteils unbemerkt an mir vorbei. Aber auch bei Universitärem oder Neuigkeiten über Dritte bin ich immer auf die Informationen angewiesen, die mir meine Freunde und meine Bekannten in Telefongesprächen und in E-Mails mitteilen. Und so kommt es, dass ich hin und wieder von Neuigkeiten überrumpelt werde, die sich in gewissen Kreisen schon längst herumgesprochen haben.
So telefonierte ich dieses Wochenende mit meiner Freundin Birgit aus Marburg und erfuhr überraschend, dass zwei Freunde von mir wahrscheinlich im Laufe dieses Jahres heiraten wollten. Mein fassungsloses Erstaunen, wurde von Birgit erst einmal mit einem erschrockenen "Ach, das wusstest du noch gar nicht?" kommentiert, woraufhin ich immer noch ganz fassungslos "Woher denn?" erwiderte. Und so wurde mir an diesem Abend das erste Mal wirklich bewusst, dass sich in meinem heimischen Umfeld innerhalb eines langen Jahres einiges verändern würde. Für gewöhnlich ist man für einige Wochen im Urlaub und stellte nach der Heimkehr fest, dass alles irgendwie doch beim Alten geblieben ist. Doch fast ein ganzes Jahr in Halb-Isolation ist eine ganz andere Dimension, denn wenn ich zurückkehren werde, wird nicht alles "irgendwie beim Alten" sein. An allen Ecken und Enden bekomme ich mit wie sich mein Umfeld verändert, doch hier auf der anderen Seite des Globus ist alles weit, weit entfernt und erscheint irgendwie unwirklich, geradezu so als würde ich ein Buch über das Lesen, was sich in Deutschland ereignet. Ich kann nicht teilhaben, sitze nur da und lese stumm, was in dem Buch passiert. Und wenn es spät wird, klappe ich das Buch zu, denke eine Weile darüber nach und widme mich wieder meinem "realen Leben". Ich bekomme mitgeteilt, dass meine Großmutter und mein Bruder umgezogen sind, dass Bekannte von mir heiraten wollen, dass mein Freund dabei ist seine Diplomarbeit zu absolvieren, dass meine Freunde in den Urlauf fahren und das mein Studienstandort in Marburg allmählich geschlossen wird, aber ich kann an diesen Dingen nicht wirklich teilnehmen. Zu weit entfernt, zu surreal ist all dies.
Und genauso surreal mir so vieles in Deutschland erscheint, geht es wohl auch vielen Menschen, wenn ich über Japan berichte. Man liest Artikel über ein Land irgendwo da draußen, hört Geschichten von jemandem, der ganz weit weg ist, und ließt über Menschen und Orte, die man nie zuvor selbst kennengelernt hat. Und irgendwie muss es schwer sein sich hinter all diesen Geschichten, hinter all diesen Berichten eine Person vorzustellen, für die all dies die Realität ist. Denn letztlich sind es zwei verschiedene Welten.
Aber rückt dadurch alles, was mich mit Deutschland vor sich geht in den Schatten und wird nach und nach belanglos? Sicher nicht. Denn einige Dinge werden viel realer: Zum Beispiel Beziehungen zu Familie und Freunden. Aus belanglosen Bekanntschaften entwickeln sich tiefe Freundschaften, in graue, dem Alltagstrott verfallene Beziehungen fließt neues Leben und man entdeckt Beziehungen wieder, die man glaubte schon abgebrochen zu haben. Und all diese Beziehungen verbinden "meine Realität" mit jener in Deutschland und zurren die beiden Welten fest aneinander.
Und so sitze ich wie heute Abend vor meinem Laptop und lausche jenen Geschichten, die mir meine Freunde und meine Familie zu berichten haben, versuche Anteil zu nehmen an dem, was mir über Landtagswahlen, neue Gesetze und den Arbeitsalltag erzählt wird und genieße die Zeit in dem meine Gesprächspartner ihre Welt mit meiner verbinden. Mit meiner Freundin Birgit habe ich noch lange telefoniert. Und auch wenn wir beide momentan nicht viel in unserem Alltag gemein haben und für jeden die Realität des anderen irgendwo weit weg ist, fühlen wir uns verbunden wie schon lange nicht mehr.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Für Nobuko nach Ueno

Wenn man mit Katharina und Lee etwas unternehmen möchte, ist das immer so eine Sache. Vielleicht liegt es in der Natur des Mannes, dass ich gerne plane und für mich ein "Ja" eine Zusage und ein "Nein" eine Absage ist. Was nun als ein recht simples Gerüst menschlicher Kommunikation scheinen mag, erweist sich im Umgang mit Katharina und Lee allerdings als wahrhaftige Herausforderung. Denn ich habe hier gelernt, dass feste Pläne zu einer Katastrophe entarten können und Menschen innerhalb weniger Stunden von einer festen Zusage scheinbar ohne Grund auf ein feste Absage umspringen, um dann ebenso willkürlich wieder umzuschwenken.
Als Tak Katharina, Lee und mich vor einigen Tagen zu Nobukos Geburtstag einlud, sagte ich ihm sogleich, dass es immer ein wenig chaotisch mit den beiden Mädchen wäre, weil man bis zuletzt nie wüsste, ob sie denn nun kämen oder nicht, woraufhin Tak mir zustimmte und anmerkte, dass er auch schon gemerkt hätte, dass beide sehr unentschlossen wären. Und so sagte ich ihm gleich, dass ich auf jeden Fall zu Nobukos Geburtstag kommen würde, wohingegen ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass Katharina und Lee auch kämen.
Zur nächsten Gelegenheit informierte ich Katharina und Lee über Nobukos Geburtstag am kommenden Samstag und beide waren eher negativ eingestellt. Katharina spielte mit dem Gedanken zu kommen, war sich aber nicht sicher, ob sie den Samstag nicht lieber entspannt in ihrem Zimmer verbringen würde, während Lee ein wenig herumdruckste und nicht wirklich begründen konnte, warum sie nicht kommen wollte. Also notierte ich mir gedanklich ein "Nein" für Lee und ein "Vielleicht" für Katharina. Im Laufe der nächsten Tage änderte sich dann die Einstellung der Beiden und aus Katharinas "Vielleicht" wurde ein "Wahrscheinlich" und aus Lees "Nein" ein "Ja".
An Nobukos Geburtstag, Tag 120 in Japan, bereiteten wir mittags Nobukos Geschenk vor, schrieben eine Glückwunschkarte und vereinbarten eine Uhrzeit zu der wir zum Bahnhof gehen wollten, Nobuko plante nämlich uns am Abend in Ueno, einem Stadtteil Tokyos, zu treffen. Als ich dann aber pünktlich die Treppen nach oben stieg, um die Beiden abzuholen, passierte was nur allzu oft passierte: Lee stand ein wenig unschlüssig im Raum und gestand, dass sie sich umentschieden hätte und doch nicht mitkommen wollte. Und das obwohl wir erst vor ein paar Stunden gemeinsam Nobukos Geschenk vorbereitet hatten. Sehr überrascht war ich nicht, schließlich kannte ich derlei Szenarien schon zur Genüge und so fuhr ich schließlich alleine mit Katharina am späten Nachmittag nach Ueno, um Nobuko zu treffen. Die Fahrt war kein Problem, das Treffen am Bahnhof von Ueno allerdings um so mehr, da der Bahnhof weitaus größer war, als Katharina und ich angenommen hatten. Darum irrten wir rund eine halbe Stunde lang am Bahnhof umher, liefen Treppen auf und ab, hasteten durch endlose Gänge, schauten suchend über größere Plätze und warfen Blicke in alle Läden, ehe wir endlich von Nobuko gefunden wurden. Gemeinsam mit ihren anderen Gästen, von denen ich nur Tak und Cassy, die chinesische Kanadierin, kannte, machten wir uns auf den Weg in das Restaurant, das sich Nobuko für ihren Geburtstag ausgesucht hatte.
Der Abend verlief so, wie ich es von meinen anderen Restaurantbesuchen gewohnt war: Wir bestellten die halbe Karte und jeder nahm sich, was ihm zusagte. Es war sehr lustig und auch Nobuko hatte ihren Spass. Den ganzen Abend lief sie umher, um möglichst viele Fotos als Andenken zu schießen, woran ich mich mit meiner Kamera natürlich lebhaft beteiligte. Hier ein paar Bilder von unserem Abend im Restaurant:


Bild1: Nobuko und ihre Gäste sitzen an der reich gedeckten Tafel.


Bild2: Nobuko und Katharina. Die Beiden verstehen sich prächtig und unterhielten sich den ganzen Abend.


Bild3: Nobuko mit einer Freundin und Cassy, der Chinesin aus Kanada.


Bild4: Nobuko und ich.


Bild5: Nobuko und Tak. Im Hintergrund stehe ich und mache vollkommen unwichtige Symbole mit meinen Händen.


Bild6: Zwei chinesische Freunde von Nobuko, die ich allerdings nicht kannte.


Bild7: Ein Blick auf die Essensauswahl direkt vor meinem Sitzplatz. In der Mitte sieht man Maki-Sushi, links davon die panierten und frittierten Gelenke und Knochen, von denen ich schon mehrmals geschrieben habe, oben links Salat, oben rechts eine gewöhnliche Pizza und zwischen all diesen eben genannten Speisen steht ein Teller mit gefüllten Pilzen. Ganz rechts sieht man Hähnchenfilets.


Bild8: Eine Nahaufnahme von den panierten und frittierten Gelenken und Knochen, die ich bereits so oft erwähnt habe. Ich bin immer noch der Meinung, dass sie ganz unscheinbar wirken, bis man darauf beißt. Katharina machte diese Erfahrung, als sie einige von ihnen kaute und erst sagte, dass es doch ganz gut schmecken würde, bis sie innehielt, das Gesicht verzog und alles auf ihren Teller spuckte.


Bild9: Irgendein kleingeschnittenes, mariniertes Meerestier. Wie mit vielen Dingen in Japan isst man es einfach, ohne genau zu wissen, was es eigentlich ist. Auf meine Nachfrage zuckten Tak und Nobuko auch nur die Schultern.


Bild10: Die Reste des Fisches, den wir bereits jedes Mal bestellt haben, wenn wir abends ausgegangen waren. Der japanische Name des Fisches lautet hokke, was laut meinem Wörterbuch "Atkamakrele" bedeutet. Die Gräten kann man übrigens mitessen, aber für meinen Geschmack waren sie, nun ja, zu grätig.


Bild11: Ein Blick in die Runde von meinem Platz aus. Das rot-grüne Etwas in der Tischmitte ist Sashimi, rohes Fischfleisch. Ich erlebe immer wieder, dass viele Leute denken, Sushi wäre rohes Fischfleisch, was ich in diesem Beitrag einmal korrekt stellen möchte: Sushi sind in Seetang eingewickelte Reisrollen, die mit allen möglichen Zutaten gefüllt werden können, wie beispielsweise Ei, Gurke, Käse, verschiedene Fischsorten, Salat oder gebratenem Fleisch. Sashimi dagegen bezeichnet lediglich rohe, dünne Fischscheiben, die sich in etwa mir Carpaccio vergleichen lassen. Insgesamt hat mir Sashimi recht gut geschmeckt, wenn ich auch zugeben muss, dass mir einige Fischsorten mehr, andere weniger zugesagt haben.


Nach einiger Zeit mussten wir gehen, da die Tische, an denen wir saßen, für die nächsten Gäste bereit gemacht wurden. Da Nobuko aber unbedingt noch einen Nachtisch essen wollte, entschlossen wir uns gemeinsam noch ein anderes Restaurant aufzusuchen. Während sich die anderen bereits fertig machten, wartete ich noch darauf auf die Toilette zu gehen und stand für einige Zeit auf dem engen Gang den Kellnern im Weg. Unerwartet kam ein etwas älterer Herr auf mich zu und fragte mich auf Japanisch, ob ich aus Deutschland käme. Ein wenig schüchtern bejahte ich seine Frage, woraufhin er langsam und deutlich berichtete, dass er selbst einige Jahre lang in Deutschland gearbeitet hatte. und so unterhielt ich mich für rund zwei Minuten mit dem unbekannten Mann auf japanisch, der ganz interessiert an meinem Auslandsaufenthalt war. Als die Toilette dann schließlich frei wurde, bedankte ich mich für das Gespräch und sah im Hintergrund Tak stehen, der dem Gespräch (und vor allem meinem Japanisch) gelauscht hatte und mir einen Daumen nach oben zeigte.
Nachdem wir uns vor dem Restaurant versammelt hatten, verabschiedeten wir Cassy und Nobukos Freundin, ehe Katharina, Tak, Nobuko, ihre beiden chinesischen Freunde und ich einige Minuten durch das spätabendliche Ueno liefen, bis wir ein amerikanisches Restaurant fanden, in dem wir die kommende Stunde verbrachten. Und so trank jeder einen Milchshake und aß ein Eis, Kuchen oder Brownies, während wir uns angeregt unterhielten und viel herumalberten. Gegen halb Zehn löste sich unsere Gruppe dann langsam auf und Nobuko und Tak brachten Katharina und mich noch zur richtigen Bahnlinie am Bahnhof von Ueno, ehe sie beide im Getümmel der Leute verschwanden. Und so fuhren Katharina und ich satt und zufrieden zurück nach Soka und unterhielten uns unterwegs über den schönen Abend, die vorlesungsfreie Zeit und eine ganze Menge anderer Themen.


Bild12: Ein unzertrennliches Gespann: Nobuko, Tak, Katharina und ich.


Bild13: Das glückliche Geburtstagskind Nobuko.


Bild14: Die beiden chinesischen Freunde von Nobuko.


Bild15: Katharina und Tak alberten an diesem Abend gemeinsam mit mir herum.



Film1: Kurz bevor sich unsere Runde auflöste, nahm ich noch ein kurzes Video von uns allen im Restaurant auf.


Bild16: Eine Erinnerung an einen wunderschönen Geburtstag.

Dienstag, 3. Februar 2009

Dokkyo-Finale

Nach etwa drei Monaten Sprachkurs an der Dokkyo-Universität fand heute die finale Prüfung statt, die von niemand anderem abgehalten wurde als von Frau Takeda, der älteren, lebensfrohen Dame, die jeder in unserem Kurs sehr gerne hat. Und da Frau Takeda uns auch sehr schätzt, machte sie uns ein kleines Geschenk zum Abschluss des Semesters: Eine wirklich leichte Semesterabschlussklausur.
Pünktlich standen fast alle Teilnehmer des Kurses vor dem Raum in dem der Abschlusstest stattfinde sollte. Ich glaube es war das erste Mal, dass fast der ganze Kurz sich so pünktlich versammelt hatte. Natürlich wollte sich niemand anmerken lassen, dass er wegen der Klausur aufgeregt war, doch irgendwie konnte man die Anspannung merken. Wahrscheinlich weil auch ich ein wenig angespannt war, obwohl ich mir sicher war, dass ich die Klausur auf jeden Fall bestehen würde. Aber so ist das eben mit Klausuren: Selbst wenn man alles gelernt hat und sich wirklich gut in der Materie auskennt, macht man sich vollkommen unbegründet ganz verrückt. Und auch wenn man bemerkt wie man sich selbst in etwas hineinsteigert, kann man nichts dagegen machen. Somit lief ich mit einem etwas flauen Gefühl im Magen und dem Bedürfnis noch einmal dringend auf die Toilette zu rennen in den Saal.
Da sich die dreistündige Abschlussklausur an dem orientierte, was wir im vergangenen Semester vorbereitet und ständig geübt hatten, war sie in vier Bereiche aufgeteilt:
Zunächst der Teil mit den japanischen Schriftzeichen. Hier hatte ich keinerlei Probleme und fast alle Lösungen gingen mir flüssig von der Hand. Da die Schriftzeichen niemals mein Problem, sondern viel mehr mein Hauptinteressengebiet in der japanischen Sprache waren, war ich nicht wirklich erstaunt darüber wie glatt alles lief, im Gegenteil, ich war fast ein wenig enttäuscht darüber, dass es doch sehr, sehr einfach war.
Der folgende Teil befasste sich mit der Grammatik des vergangen Semesters. Hier hatte ich im Vorhinein ein paar Befürchtungen gehabt, da es einige Dinge gab, mit denen ich mir nicht so sicher war, wie ich mir gewünscht hätte, doch auch dieser Teil war erstaunlich einfach. An einigen Stellen musste ich längere Zeit sitzen und kam ein wenig ins Straucheln, doch insgesamt merkte ich hier sehr deutlich, dass sich mein intensiver Lernplan in den letzten Tagen ausgezahlt hatte.
Der dritte Bereich war die freie Konversation, vor der ich mit Abstand am meisten Angst gehabt hatte. Ein wenig aufgeregt ging ich in ein angrenzendes Zimmer, nahm gegenüber von Frau Takeda platz und wurde gebeten etwas über ein Thema meiner Wahl zu erzählen. Also beginn ich ein wenig über meine Zukunftspläne als Übersetzer zu berichten, was Frau Takeda hellauf begeisterte. Ehe ich mich versah, sprach Frau Takeda ganz von alleine und ich war Derjenige, der zuhörte oder kurze Zwischenfragen einwarf. Als Frau Takeda nach einiger Zeit auf die Uhr blickte, schaute sie erschrocken auf und entschuldigte sich dafür, dass sie die Prüfungszeit schon einige Minuten überzogen hatte. Mit einem Augenzwinkern fügte sie aber hinzu, dass ihr diese Konversation so viel Spass gemacht hatte, wie kaum eine andere. Und obwohl ich letzten Endes gar nicht so viel gesagt hatte, ging ich doch mit einem überaus guten Gefühl zurück in den Prüfungsraum.
Der letzte Teil der Klausur war ein Aufsatz, weshalb wir zu einem frei wählbaren Thema ein Blatt Papier beschreiben mussten. Doch gerade diese vollkommene Freiheit stellte mich erstmal vor ein Problem und so überlegte ich erst einmal rund zehn Minuten worüber ich schreiben sollte. In meinem Kopf ging ich immer wieder verschiedene Themen durch und prüfte ob mir spontan das Vokabular dazu einfiel, doch immer fehlten mir einige wichtige Schlüsselbegriffe. Und auf der Suche nach einem vielseitigem Thema, das kein großes Fachvokabular erforderte, stieß ich auf ein ganz nahliegendes Thema: Dieser Blog.
Nachdem wir unsere Aufsätze abgegeben hatten, trafen sich Katharina und ich vor dem Raum und gemeinsam liefen wir angeregt diskutierend zur Mensa, um dort ein letztes Mal für dieses Semester zu Mittag zu essen. Und so kauften wir uns zum Abschluss des Semesters beide das leckerste und teuerste Gericht, das wir fanden, um diesen besonderen Tag ein wenig zu feiern. Für mich sollte nun die vorlesungsfreie Zeit beginnen, während Katharina vor ihrer Abreise Ende März nun noch ein intensives Praktikum bevorstand. Darüber wie ich die nächsten Wochen gestalten wollte, machte ich mir heute aber noch keine Sorgen, denn als ich in meine Wohnung zurückkehrte, fiel ich erst einmal ins Bett, um mich von den Strapazen der letzten Tage ein wenig zu erholen. Und dort blieb ich dann auch fast den gesamten Rest des Tages liegen und genoss es einfach mal keine Verpflichtungen zu haben.