Samstag, 4. April 2009

Auf dem Weg der zehntausend Tore

Es ist Tag 181 in Japan und nachdem ich in dem kleinen Zimmer in unserer Unterkunft in Kyoto wachgeworden war, warf ich einen Blick auf jenen Platz, auf dem Ninja sonst für gewöhnlich schlief, der nun aber leer war. Also war sie von der Feier, zu der sie gestern aufgebrochen war, noch nicht zurückgekehrt. Und während ich überlegte, was wir machen würden, wenn Ninja zu jenem Zeitpunkt, zu dem wir aufbrechen wollten, noch nicht da wäre, begannen sich Dominic und ich schon einmal fertig zu machen. Irgendwann zwischen sieben und acht Uhr kam sie dann schließlich zurück. Ob sie überhaupt geschlafen hatte, weiß ich nicht. Zumindest wollte sie gemeinsam mit uns zum Fushimi-Inari-Schrein aufbrechen, den wir uns heute ansehen wollten. Da sie verständlicherweise aber noch kurz duschen wollte, warteten Dominic und ich im Zimmer darauf, dass Ninja fertig wurde. Doch trotz unserer Bitte sich zu beeilen, lies sie sich Zeit beim Duschen, Haare kämmen und föhnen, aufräumen und schminken. Und so dauerte es letztlich doch wieder bis kurz nach Zehn Uhr bis wir am Busbahnhof ankamen, um wegzufahren. Bis wir dann mit dem Bus am Fushimi-Inari-Schrein angekommen waren, war es bereits wieder halb zwölf Uhr und ich dachte daran, wie ich noch am Vorabend davon geträumt hatte einmal um neun Uhr an einer Sehenswürdigkeit anzukommen.
Da wir diesmal an einem Schrein und nicht an einem Tempel waren, durchschritten wir nach einer kurzen Einkaufsstraße, in der Ninja für kurze Zeit hängen blieb, ein typisches torii, ehe wir auf dem Schreingelände ankamen. Und da Ninja noch nicht angekommen war, schauten sich Dominic und ich schon einmal die Schreinanlage an und fotografierten alles, was uns vor die Linse kam. Ein wenig später traf auch Ninja ein und begann ihr Sightseeing, während sich Dominic und ich bereits jene Ausläufer des Geländes anschauten, die zu einem ausgedehnten Spaziergang durch den angrenzenden Wald einluden. Losspazieren wollten wir aber noch nicht, dazu wollten wir noch auf Ninja warten. Doch als sie nach knapp zwanzig Minuten immer noch nicht da war, begannen wir uns besorgt auf dem gesamten Gelände nach ihr umzusehen. Aber es war vergebens, da wir sie nicht finden konnten. Und so standen Dominic und ich vor einem Problem: Was sollten wir machen? Einfach ohne Ninja durch den angrenzenden Wald spazieren oder stehen bleiben und warten, dass sie doch noch auftauchen würde? Und zu meiner Überraschung fällte dieses Mal Dominic die Entscheidung: "Wir haben jetzt den ganzen Morgen auf sie gewartet und hier schon zwanzig Minuten lang alles auf den Kopf gestellt, ich glaube nicht, dass es uns weiterbringt jetzt noch länger hier zu sitzen und zu warten. Vielleicht ging es ihr nicht gut und sie ist zurück zur Unterkunft. Selbst wenn sie aufs Klo gegangen wäre, hätte sie längst wieder da sein müssen." Und so machten wir uns mit einem etwas unguten Gefühl zu zweit auf den den Weg in die weitläufigen Wälder hinter dem primären Schreingelände. Doch bereits nach kurzer Zeit hatten wir Ninja vergessen. Nämlich zu jenem Zeitpunkt, an dem wir die eigentliche Sehenswürdigkeit des Fushimi-Inari-Schreins betraten, welche nicht der Schreinkomplex an sich, sondern der angrenzende Weg der zehntausend Tore ist.


Bild1: Da wir am Busbahnhof eine halbe Stunde auf unseren Bus warten mussten, liefen wir eine zwanzigminütige Runde durch Kyoto, um uns ein wenig die Stadt anzuschauen. Und hier in der Gegend um den Bahnhof sah Kyoto fast so aus wie Tokyo. Die Gebäude nicht ganz so hoch, die Straßen und Wege nicht ganz so voll, aber doch noch ähnlicher als die traditionellen Straßen rund um die Tempel und Schreine, die für die Touristen bewusst traditionell gestaltet wurden.


Bild2: Das große torii symbolisiert den Eingang zum Fushimi-Inari-Schrein im Südosten Kyotos. Vor mir läuft Dominic geradewegs auf das torii zu, während Ninja rechts Fotos von den Ständen macht.


Bild3: Das Markenzeichen des Fushimi-Inari-Schreins sind neben den knalligen, roten torii die Fuchsstatuen, die man inari nennt. Sie symbolisieren Fruchtbarkeit, insbesondere für den Reisbau. Dies erklärt auch das "Inari" im Namen des Fushimi-Inari-Schreins. Warum diese Statue einen Schlüssel im Maul trägt, weiß ich allerdings nicht.


Bild4: So sehr unterscheidet sich ein Schrein optisch gar nicht von einem Tempel. Erinnern diese Bilder nicht an den Silbernen Pavillion und den Kiyomizu-Tempel vom Vortag? Typisch für alle Gebäude des Fushimi-Inari-Schreins ist die knallige rote Farbe.


Bild5: Auf diesem Bild sieht man die Glocken, die geläutet werde, wenn man zu den Gottheiten spricht. Praktischerweise gab es an diesem populären Schrein gleich mehrere Glocken zu läuten, damit sich die Massen der Gläubigen nicht zu sehr aufstauen. In den kleineren Schreinen findet man allerdings nur eine Glocke.


Bild6: An heiligen Stätten findet man oft ema, fünfeckige Holztäfelchen, die man mit Wünschen und Hoffnungen beschriftet. Auf diesem Bild sieht man ganze Wände voller ema. Wozu die bunten Tücher darunter dienen, weiß ich leider nicht, aber sie waren sehr schön anzusehen.


Bild7: Dieses große torii kennzeichnete den Eingang zu den Wegen durch den angrenzenden Wald. Hier wartete ich mit Dominic eine Weile lang auf Ninja, bevor wir dann schließlich zu zweit aufbrachen.


Bild8: Das wohl beeindruckendste Erlebnis, das ich in meiner Zeit in Kyoto hatte: Die Wege jenseits des Fushimi-Inari-Schreins, die von abertausenden von roten torii gesäumt waren. Hier ein Bild, das eine Französin netterweise von Dominic und mir aufnahm.



Film1: Und damit jeder einen Eindruck vom Weg der tausend Tore gewinnen kann, habe ich dieses Video aufgenommen.


Es lässt sich schwer in Worte fassen, wie es sich anfühlt durch diese Gänge von torii zu laufen. Es ist nicht einfach nur hübsch anzuschauen, nein, man verfällt in ein ehrfürchtiges Staunen, wenn man einige Zeit durch diese Tore schreitet. Und darum lief ich allein dieses erste Stück mehrmals hin und her und konnte gar nicht aufhören Bilder zu knipsen, nicht wissend, was noch alles auf mich zukam. Denn genau genommen ist der Weg der zehntausend Tore nicht nur ein Weg, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Wegen, die stetig von kleinen Schreinen, Heiligtümern und Rastplätzen unterbrochen sind. Und so liefen Dominic und ich über eine halbe Stunde lang durch diese Torgänge, bis wir nach einem ständigen Anstieg schließlich den Gipfel des Berges erreicht. Unterwegs lernten wir viele Leute kennen, mit denen wir zwar nicht redeten, die uns aber immer wieder über den Weg liefen, während wir den zahllosen Wegen folgten. So trafen wir immer wieder eine Gruppe von Franzosen, die sich mit Rucksack und Wanderstiefeln nach oben arbeiteten, zwei junge Japanerinnen, die mit ihren Stöckelschuhen zu kämpfen hatten und immer wieder begannen zu lachen oder zwei ältere japanische Damen, die langsam aber stetig nach oben spazierten. Und so wurde aus dem Aufstieg nicht nur ein visuelles, sondern auch ein soziales Erlebnis, weil man genau wusste, das jeder das gleiche Ziel hatte. 


Bild9: Die erste Zwischenstation war ein Schrein, an dem man ema kaufen konnte. Diesmal allerdings nicht in der sonst üblichen fünfeckigen Form, nein, diesmal passend zum Wahrzeichen des Fushimi-Inari-Schreins in Form einer Fuchsmaske. Ansonsten fand man noch einige Geschäfte mit Erfrischungen und Souvenirs. Vorrausschauend, hatten Dominic und ich bereits am Vortag eine große Wasserflasche und japanische Snacks mitgenommen, um Proviant für unterwegs zu haben.



Bild10: Hinter dem Schrein war ein shintoistischer Altar, über dem unzählige kleine Tore aufgebaut waren. Im Vordergrund konnte man auch Kerzen anzünden.


Bild11: Hier ein Bild von einem shintoistischen Priester, denn zu meinem Glück konnte ich aus nächster Nähe einer shintoistischen Zeremonie folgen. Verstehen konnte ich nicht viel, außer dem gelegentlichen ookami-sama, was sich am ehesten mit "oberste Gottheit" oder einfach "große Gottheit" übersetzen lässt. Allerdings ist ookami-sama ein sehr vielfältiges Wort, das beispielsweise im christlichen Kontext einfach "Gott" bedeutet.


Bild12: Hier ging der von torii gesäumte Weg weiter. Man darf sich nicht von dem ersten Stück des Weges täuschen lassen, in dem alle torii identisch aussahen, denn alle übrigen torii variierten in Größe und Farbe. Diese erste torii ist beispielsweise schon doppelt so groß. Gesäumt wird der Eingang natürlich von zwei inari, also Fuchsstatuen.


Bild13: Da die torii in unregelmäßigen Abständen zueinander stehen, kann man machmal einen Blick nach außen werfen und, wie auf diesem Bild, den Torgang aus einer anderen Perspektive sehen, die ebenso beeindruckend ist.


Bild14: Nur die Menschen auf dem Bild lassen erahnen welche gigantischen Ausmaße die torii mitunter annahen. 


Bild15: Ja, inmitten der torii hatte ich viel Spass. Und obwohl sich doch immer das gleiche Bild in unzähligen Variationen wiederholte, wurde mir nicht langweilig, ganz im Gegenteil, ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Wie oben erwähnt, war dies wohl das beeindruckendste Erlebnis, das ich in meiner Zeit in Kyoto hatte.


Bild16: Man lief nicht nur durch Tore, sondern auch durch Waldabschnitte. Hier gab es beispielsweise nur einige Abzweigungen, die zu einer Vielzahl von kleinen Schreinen führte. Eine Weile lang liefen Dominic und ich die Stufen auf und ab und warfen Blicke auf die vielen kleinen Altäre, die oft speziellen Familien gewidmet waren, bevor wir weiter dem Hauptweg folgten.


Bild17: Der Weg führte an einem See vorbei, an dem es auch wieder viele Abzweigungen gab, in denen man sich verlieren konnte. Hier einmal ein Bild von einem der unzähligen Steinaltäre, an denen sich meist zwei Kerzen, kleine torii und die typischen Fuchsstatuen befanden.


Bild18: Man darf bei all den Bildern nicht vergessen, dass diese Wege nicht nur eine Touristenattraktion sind, sondern ein heiliger Bereich für viele Gläubige. Darum hier auch ein Bild von zwei älteren Damen, die vor einem Steinaltar beteten.


Bild19: Eine der zahlreichen Zwischenstationen, an denen man Souvenirs und Erfrischungen kaufen konnte. Während der Weg zu Beginn noch recht flach verlief, merkt man auf diesen Bildern bereits, dass man eigentlich nur noch auf Treppen vorwärts kam.


Bild20: Im Laub abseits der Wege hörte man es immer wieder rascheln und konnte oft Tauben sehen. Hier ein Schnappschuss, der überraschend gut geworden ist. Wegen des Blitzes sieht es wie eine Nachtaufnahme aus.


Bild21: Nicht jeder spazierte den Weg zum Gipfel gemütlich entlang. Wie einige andere rannte dieser junge Japaner den gesamten Weg, samt Treppen, nach oben. Als ich eigentlich gerade ein Bild von unserem Aufstieg machen wollte, kam er ins Bild gerannt und posierte einen Moment. Ein lustiger Schnappschuss verbunden mit einer noch lustigeren Erinnerung.


Kurz vor dem obersten Punkt des Pfades gab es eine große Endstation, an der man sich setzen und ausruhen konnte. Ein Treppe stellte die letzten Meter des eigentlichen Pfades dar, während zwei andere Pfade zu Spaziergängen auf dem Berg einluden. Zunächst schritten wir die Treppe nach oben und trafen dort überraschenderweise auf Ninja. Wie sich herausstellte war sie bereits vorgegangen und wir waren wohl den ganzen Aufstieg über immer nur knapp eine Wegbiegung hinter ihr gewesen. Und obwohl ich versuchte möglichst nett zu sein, kam es wieder einmal zum Streit, diesmal allerdings zwischen Dominic und Ninja. Darum verdrückte ich mich und schlich jenseits der Treppe die letzten Meter zum Gipfel des Berges hinauf, von wo aus ich die Aussicht über Kyoto genieße konnte. Als ich wieder heruntergestiegen kam, war zwischen Dominic und Ninja noch immer dicke Luft, weshalb ich das machte, was bisher immer am besten geholfen hatte: Bloß nichts ausdiskutieren wollen, sondern einfach gemeinsam etwas unternehmen. Und so bewegte ich alle energisch dazu einen der abzweigenden Pfade zu wählen und sich die Umgebung anzusehen. Über eine Stunde lang spazierten wir daraufhin durch den Wald und außer uns gab es nur gelegentliche Wanderer, Schreine, Altäre, Zwischenstationen, torii und jede Menge Natur. Und tatsächlich besserte sich die Stimmung und wir hatten zu dritt doch noch eine schöne Zeit. Zumindest bis Dominic und Ninja allmählich fußlahm wurden und begannen zu maulen. Aber obwohl ich nicht alles gesehen hatte, waren wir doch gut herumgekommen und darum schloss ich mich den anderen an, als diese auf dem schnellsten Weg wieder den Berg hinabliefen und das Schreingelände verließen. Eigentlich wollten wir mit dem Bus zurückfahren, da dieser allerdings erst in fünfzig Minuten kommen würde, entschieden wir uns den Zug zu nehmen, obwohl wir hierfür unser Tagesticket nicht benutzen konnten. Und so liefen wir zu einer nahliegenden Bahnstation, kauften uns wie in Tokyo ein Ticket und fuhren zurück zum Hauptbahnhof von Kyoto.


Bild22: Das letzte Stück des Weges, das zu einem großen Altar, umringt von unzähligen kleinen Altaren, führte. Auf dieser Treppe trafen wir unerwartet Ninja wieder.


Bild23: Zwischen den unzähligen Altären konnte man jenseits der Treppe noch weiter oben gelangen. Während Dominic und Ninja diskutierten, erkundete ich diese versteckten Pfade, bis ich schließlich bis auf den Gipfel gelangte und eine atemberaubende Sicht auf Kyoto hatte.


Bild24: Ein Bild von Dominic vor dem Panorama Kyotos. Erst bei dieser Aussicht wurde mir bewusst, wie weit wir nach oben gewandert waren.


Bild25: Nachdem ich alle dazu bewegen konnte weiterzulaufen, spazierten wir in einer Art Gratwanderung auf einem mehr oder weniger ebenen Pfad über den Berg und durch die Wälder. Einerseits wollte ich auf diesem Bild das Spiel von Licht und Schatten festhalten, andererseits auf die Beschriftungen der torii hinweisen, die auf der Rückseite zu lesen sind. Wer nun aber religiöse Weisheiten erwartet, wird enttäuscht sein, denn hier sind lediglich Aufstellungsdatum und Sponsor des betreffenden torii vermerkt.


Bild26: In unregelmäßigen Abständen waren auf dem Pfad große Altäre zu finden, die von unzähligen kleineren Altären umgeben waren. Daneben fand man oft auch direkt eine Hütte, in der wie so oft Souvenirs und Erfrischungen angeboten wurden


Bild27: Ein Bild von den unzähligen steinernen Altären, die rings um die größeren Altäre angesiedelt waren. Und wo man auch hinblickte, überall sah man inari, die Fuchsstatuen, und torii.


Bild28: Die Gegenden um die Altäre auf dem Gipfel wimmelten nur so von Katzen, die in der Sonne saßen und sich von vorbeiwandernden Touristen streicheln ließen. Es war das erste Mal in Japan, dass ich zahme Katzen getroffen habe. Den Reaktionen der jungen Japaner zu Folge, war es für viele auch die erste Begegnung mit einer zahmen Katze überhaupt, weshalb viele ganz begeistert Bilder machten und vorsichtig testeten, ob man diese Tiere denn streicheln könne.


Bild29: Bei all den Bildern von torii, vergisst man fast die schöne Landschaft zu erwähnen. Vorallem einige kleine Bachläufe, die sich durch den Wald schlängelten waren wunderschön anzusehen. An vielen Orten hätte ich mich am liebsten hingesetzt und eine halbe Stunde lang einfach nur die Umgebung angeschaut.


Bild30: Nachdem wir einige Zeit gewandert waren, waren alle wieder glücklich. Darum hier ein Bild von Ninja und mir unter den torii, irgendwo im Wald jenseits des Fushimi-Inari-Schreins.


Bild31: Ein Bild das während des Abstiegs entstanden ist und noch einmal die unterschiedlichen Größen der torii zeigen soll, die in der Ansicht von Innen doch meist gar nicht auffallen.


Bild32: Ein letztes Bild vom Weg der zehntausend Tore am Fushimi-Inari-Schrein. Man sieht noch einmal die oben erwähnten Inschriften auf den Rückseiten der torii. Oftmals wurden die Tore von Firmen gesponsert, manchmal aber auch von Privatfamilien. Es hätte mich interessiert zu wissen, wie viel Geld es kostet solch ein torii bauen zu lassen.


Nachdem wir am Bahnhof von Kyoto angekommen waren, war es bereits fast drei Uhr nachmittags. Das reichte gerade noch, um sich eine Sehenswürdigkeit anzusehen, dachte ich mir und schlug vor direkt irgendwo hinzufahren. Dominic stimmte sofort zu, doch Ninja war sich unsicher, insbesondere weil der Akku ihrer Kamera bereits leer war. Und da wir wussten wie ärgerlich es war sich etwas anzuschauen und keine Bilder als Erinnerung machen zu können, gingen wir mit Ninja zu unserer Unterkunft, steckten den Akku ein und warteten zwanzig Minuten, damit Ninja Kamera wieder genug Energie hätte, um noch ein paar Fotos machen zu können. Als wir dann aber losgehen wollten, entschied sich Ninja doch dagegen noch einmal wegzugehen. Ohne groß etwas zu sagen, brachen Dominic und ich zu zweit auf, doch eigentlich fanden wir es ziemlich unverschämt, dass Ninja erst sagte, dass sie mitkommen wolle, und sich dann umentschied, nachdem wir sie zur Unterkunft begleitet und auf sie gewartet hatten, obwohl sie genau wußte unter welchem Zeitdruck wir standen. Spontan entschieden wir uns zu einer der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Kyotos zu fahren, dem Kinkaku-Tempel, oder auch dem Goldenen Pavillion, wie man im Deutschen gerne sagt. Gegen vier Uhr kamen wir an und glücklicherweise hatte das Gelände des Goldenen Pavillions bis fünf Uhr geöffnet, weswegen wir noch eine Stunde Zeit hatten uns alles anzusehen. Und ich muss sagen, dass der Goldenen Pavillion jede Minute wert war. Nachdem Dominic und ich dann als einige der letzten Touristen das Tempelgelände verlassen hatten, spazierten wir noch eine Weile durch Kyoto; ohne festes Ziel, einfach nur um die Stadt anzuschauen. Und so kamen wir am botanischen Garten vorbei, der aber bereits geschlossen hatte und liefen an der Flusspromenade entlang, wo sich zu dieser Zeit viele Leute zum Genießen des Abends eingefunden hatten. Irgendwann wurde es dann ziemlich frisch und so stiegen wir in den nächsten Bus und fuhren zu unserer Unterkunft, wo wir uns mit Fertigessen und einem Film einen gemütlichen Abend machten. Ninja war wieder ausgegangen, kam diesmal aber am späten Abend, während wir schliefen, zurück.
Insgesamt war es ein schöner Tag gewesen, an dem ich viel gesehen und erlebt hatte. Während an den vorherigen Tagen der Himmel oft bewölkt gewesen war, hatte heute die Sonne geschienen, weshalb jeder viel motivierter durch die Wälder des Fushimi-Inari-Schreins spaziert war. Und der Besuch des Goldenen Pavillions war für mich wie ein Sahnehäubchen auf einem ohnehin schönen Tag gewesen.


Bild33: Der Goldenen Pavillion war wirklich beeindruckend. Darum habe ich auch gleich dutzende von Bildern gemacht.


Bild34: Ein weiteres Bild von Goldenen Pavillion.


Bild35: Und noch ein Bild von Goldenen Pavillion.


Bild36: Der Garten des Goldenen Pavillions war hübsch, kam aber bei weitem nicht an den Garten des Silbernen Pavillions vom Vortag heran. Und so schlenderten Dominic und ich zwar durch die Gartenanlage, fanden aber kaum etwas, was wir nicht schon gesehen hätten.


Bild37: Das gab es im Silbernen Pavillion nicht: Eine ausgebreitete Decke um einige Statuen, zu denen man Münzen werfen konnte. Zwar kenne ich den Brauch nicht, aber bestimmt sollte es Glück bringen.


Bild38: Durch den Vorgarten liefen wir zurück zum Eingang, ohne dass man noch etwas Besonderes zu sehen gehabt hätte. In gewisser Hinsicht war der Goldene Pavillion somit das genaue Gegenteil von Silbernen Pavillion. Während der Silberne Pavillion einen wunderbaren Garten hatte, aber das Tempelgebäude zur Zeit nicht sehr ansehnlich war, hatte der Goldene Pavillion einen atemberaubend schönen Tempel, während die Gartenanlage eher mittelmäßig war. 

Verschenkte Zeit

Eine Sache muss man über Sehenswürdigkeiten in Tokyo wissen: Sie öffnen früh, schließen aber auch wieder früh. Vor allem in der Wintersaison, wozu Mitte März gehört, sind die Öffnungszeiten noch einmal eine weitere Stunde verkürzt, weshalb fast alle Tempel, Schreine und Museen um vier Uhr nachmittags geschlossen werden. Was wäre also eine logische Schlussfolgerung, wenn man sich als Tourist viel anschauen möchte? Genau, dass man früh aufsteht. Und genau deshalb habe ich nicht verstanden, warum Dominic und Ninja den Morgen vertrödelten, denn letztlich gingen wir erst um zwölf Uhr los, vier Stunden bevor alles schon wieder schließen würde. Und so saß ich den gesamten Vormittag herum und überlegte wie ich die Zeit nutzen könnte, bis die anderen endlich gehen wollten. Also las ich im Reiseführer, plante eine Route und kaufte an der Rezeption schon einmal drei Tagestickets für den Bus, ansonsten saß ich aber recht tatenlos da und wartete.
Zuerst wollten wir heute mit dem Bus in den Nordosten Kyotos fahren, um uns den Ginkaku-Tempel anzusehen, den man im Deutschen auch gerne als Silbernen Pavillion bezeichnet. Von verschiedenen Seiten hatte ich gehört, dass der Tempel an sich gar nicht so schön sein solle, dafür der weitläufige Garten um so mehr. Heute wollte ich mir davon gerne ein eigenes Bild machen. Ein wenig aufgeregt war ich schon, als ich das erste Mal mit einem Bus in Kyoto fuhr, schließlich war es meine erste Busfahrt in Japan und es funktionierte alles ein wenig anders als in Deutschland. Glücklicherweise hatte ich von dem älteren Herren an der Rezeption unserer Unterkunft einen Busplan erhalten, auf dem nicht nur das gesamte Liniennetz Kyotos verzeichnet war, sondern auch eine gute Erklärung zur Benutzung der Busse. So steigt man an Haltestellen stets in den hinteren Teil des Busses ein und bezahlt erst beim Aussteigen, wozu man nach vorne zum Fahrer durchläuft und an einem Automaten sein Geld einwirft oder sein Ticket einsteckt. Aufmerksam las ich mir die detailgetreuen, bebilderten Erläuterungen durch und fühlte mich sicher, als ich kurze Zeit später beim Aussteigen das erste Mal mein Tagesticket in den Automaten steckte. Und natürlich funktionierte alles einwandfrei und ich verlies den Bus ohne Komplikationen.


Bild1: Ein Foto von den vielen Bussen, die an jeder zweiten Ecke Tokyos halten. Wie oben erklärt, sieht man die Fahrgäste vorne aussteigen. 


Endlich standen wir nur noch wenige hundert Meter vom Silbernen Pavillion entfernt und alles was uns noch davon trennte, war eine Einkaufsstraße. Doch man kann es sich ja schon fast denken: Während ich am liebsten den Pfad zum Tempel zügig nach oben gelaufen wäre, um endlich an der eigentlichen Sehenswürdigkeit anzukommen, bummelten Ninja und Dominic zwischen den Läden umher. Und damit meine ich nicht das gemächliche Laufen mit gelegentlichem Stehenbleiben und Anschauen, nein, ich meine jene Art von Bummeln, die aus einigen hundert Metern Einkaufsstraße ein mehr als halbstündiges Unterfangen macht. "Lass mich das doch anschauen, ich finde das interessant.", entgegnete mir Dominic berechtigt, als ich ihn bat doch ein wenig schneller zu gehen, woraufhin ich versuchte zu erklären: "Das verstehe ich ja auch, aber du musst mir vertrauen, wenn ich sage, dass es diese Einkaufsstraßen vor jedem Tempel und Schrein in Japan gibt. Und fast überall wird das Gleiche angeboten. Darum lass uns lieber zuerst ein paar Sehenswürdigkeiten ansehen und später, wenn die Sehenswürdigkeiten geschlossen haben, durch die Einkaufsstraßen bummeln.". Natürlich fielen meine Vorschläge auf taube Ohren und so schlenderte ich die Einkaufsstraße zum Eingang des Tempels empor und wartete dort auf Ninja und Dominic, während ich mir die Gegend und die vielen Touristen ansah.


Bild2: Die Einkaufsstraße vor dem Silbernen Pavillion, in der Ninja und Dominic sich aufhielten, während ich vor dem Eingang des Tempels wartete.


Bild3: Ein Foto für meine Mutter und alle Katzenfans: Ein Laden, der sich Postkarten mit Katzenmotiven widmete.


Bild4: Der Eingangsbereich des Silbernen Pavillions, vor dem ich wartete.


Bild5: Eine Übersichtskarte über das Gelände des Silbernen Pavillions. Der Eingang aus dem vorherigen Bild befindet sich auf dieser Karte ganz unten links. Wie man bereits sehen kann, hat der Tempel eine weitläufige Gartenanlage.


Nachdem wir uns alle am Eingang des Tempels eingefunden hatten, bezahlten wir unsere Eintrittsgebühr und betraten endlich das Gelände des Silbernen Pavillions. Bedauerlicherweise fanden gerade zu diesem Zeitpunkt Renovierungsarbeiten am Haupttempel statt, weshalb dieser mit Planen und einem Gerüst umgeben war. Doch der wunderschöne Garten machte alles wieder wett. Und so kann ich als Fazit meines Besuchs sagen, dass das, was man vom Tempel sehen konnte nett, der Garten hingegen überaus beeindruckend war. Aber genug der Worte, ich lasse lieber die Bilder für sich sprechen:


Bild6: Das sah man häufig am Silbernen Pavillion: Den moosbedeckten Boden und den hellen Kies. Dieser Bereich ist noch im Innenhof des Tempels, gehört also noch nicht zum weitläufigen Garten. Vieles durfte man nicht betreten und so wurde man meist auf schmalen Pfaden am Rand der Innenhöfe entlanggeführt. Links im Bild sieht man übrigens das Eingangstor, an dem wir unsere Tickets kaufen mussten.


Bild7: Ich fand es immer schön, wie die Bäume auf kleinen Moosinseln auf dem gehakten weißen Kies schwammen. Es ist der gleiche Innenhof, wie im Bild zuvor, aber aus einer anderen Perspektive.


Bild8: Der große Innenhof ging fließend in den umliegenden Garten über.  Augenfang war ein riesiges erhöhtes Feld aus weißem Kies, in das Muster geharkt waren. Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, wie die Erschaffer dies wohl gemacht hatten, ohne irgendwelche Fußabdrücke oder Mulden zu hinterlassen. Im Hintergrund sieht man einige Nebengebäude des Haupttempels.


Bild9: Ein Blick auf einen Ausläufer des Tempelkomplexes, der bis an einen großen Teich heranreichte. Überall im Park waren übrigens Gärtner unterwegs, die vorsichtig den Garten in stand hielten und stellenweise mit Pinzetten Unkraut zwischen dem Moos aus dem Boden zogen. Wer also denkt, dass japanische Gärten von alleine so wachsen würden, irrt sich. Es steckt eine Menge Arbeit dahinter.


Bild10: Über eine kleine Brücke überquerten wir den großen Teich und erreichte den hinteren Teil des Gartens. Sehr schön fand ich die moosbewachsenen Hänge im Hintergrund, die sich über dutzende von Metern erstreckten. Als eine nette Idee empfand ich auch die Bambusgeländer entlang des Weges. Man kann sagen, dass alles stimmig zusammenpasste: Die Pflanzen, der Boden, die Wege, die Brücken, der Teich und sogar die Geländer. Es war wirklich ein Erlebnis durch diesen Garten zu laufen.


Bild11: Es war ein Paradigma: Egal wo man stand und wie man sich dreht, überall sah man Kulissen, die sich für ein perfektes Foto eigneten. Dennoch konnte man nicht in Bildern festhalten wie beeindruckend einige der Ansichten waren.


Bild12: Ein Blick vom höchsten Punkt des Gartens auf das Tempelgelände und Kyoto. Man sieht auch den Haupttempel, der gerade renoviert wird.


Bild13: Ein Steinbach zog sich durch den Garten, was nicht hieß, dass es nicht auch richtige Bäche gegeben hätte.


Bild14: Ein letzter Blick auf den Moosteppich, der fast das gesamte Tempelgelände überspannte, bevor wir den Silbernen Pavillion verließen. Es gäbe noch so viel mehr Bilder, die ich gerne zeigen würde, aber das würde leider den Rahmen dieses Blogs sprengen.


Nachdem wir den Tempel verlassen hatten, machten wir uns zum zweiten Tempel auf, den wir besuchen wollten. Sofort? Nein, Ninja und Dominic schlenderten die Einkaufsstraße wieder herunter, obwohl ich eigentlich dachte, dass sie bereits auf dem Hinweg alles gesehen hatten. Also trödelte ich hinterher. Als wir dann schließlich zur Bushaltestelle kamen, fuhren wir zum Kiyomizu-Tempel, der nicht so weit entfernt lag. Leider befand sich die Bushaltestelle am Fuss eines Hügels, und die Tempelanlagen ganz oben. Und so liefen wir zunächst einmal den steilen Weg zum Tempel nach oben, der, man ahnt es bereits, wieder von Geschäften und Ständen gesäumt war. Und wieder einmal schlenderte ich durch die Einkaufsstraße und wartete oben vor dem Tempel auf Ninja und Dominic. Dominic kam sogar schon bald und gab zu, dass es doch genau das Gleiche war, wie erst vor dem Silbernen Pavillion, doch Ninja lies sich Zeit. Und so wartete ich diesmal gemeinsam mit Dominic vor dem Eingang der Tempelanlage, bis Ninja kommen würde. Als sie dann da war, war es bereits nach drei Uhr und so lohnte es sich kaum noch Geld zu bezahlen, um in den Kiyomizu-Tempel zu gehen. Zudem war der Akku von Dominics Kamera fast leer, weshalb wir uns nur die äußeren Tempelanlagen anschauten, für die man kein Geld bezahlen musste, um danach schnell zum Wohnheim zu gehen, den Akku aufzuladen und sich dann vor der Dämmerung noch irgendetwas anzuschauen. Doch nachdem wir uns die äußeren Anlagen des Kiyomizu-Tempels angeschaut hatten und unser Akku aufgebraucht war, bestand Ninja darauf noch zu einem anderen Tempel zu fahren. Und weil sie sich nicht davon abbringen ließ, fuhren Dominic und ich mit, obwohl es für uns ziemlich sinnlos war, da wir nicht einmal Bilder machen konnten.


Bild15: Beim Aufstieg zum Kiyomizu-Tempel habe ich dieses Bild in einer Seitengasse aufgenommen. Zwar sind wir hier nicht nach heraufgekommen und haben auch keine Treppen benutzt dennoch kann man sich ein Bild vom steilen Aufstieg machen. Zudem sieht man Kyoto einmal von einer anderen Seite, als noch am Vortag, denn in der Nähe der Touristenattraktionen, insbesondere entlang der Einkaufsstraßen, sieht Kyoto wirklich schön aus. Ich denke man sieht auch die enormen Unterschiede zu den Großtstadtgebieten in Tokyo.


Bild16: Ein Blick über Kyoto vom Eingang des Kiyomizu-Tempels aus fotografiert. Man sieht sehr deutlich die überfüllte Einkaufsstraße, in der Ninja und Dominic wieder einmal an jedem zweiten Geschäft hängen blieben.


Bild17: Links ein großes Eingangstor zum Kiyomizu-Tempel, das nicht mit einem torii zu verwechseln ist, die man vor shintoistischen Schreinen findet. Rechts ein Tempelgebäude und dahinter eine Pagode, die zum großen Komplex des Kiyomizu-Tempels gehören.


Bild18: Während wir warteten, machten Dominic und ich schon einmal ein paar Bilder, wie beispielsweise diese Aufnahme vor einem blühenden Pflaumenbaum.


Bild19: Ein Blick auf einige der äußeren Gebäude des Kiyomizu-Tempels, für deren Besichtigung man kein Geld bezahlen musste. Bisher waren Gebäude innerhalb eines Tempelkomplexes immer in einem ähnlichen Farb- und Baustil gehalten, doch hier lernte ich, dass es auch anders ging: Im Vordergrund sieht man einige knallrote Gebäude, die mitunter bunt dekoriert sind, im Hintergrund den Eingang zu den inneren Tempelanlagen, zu denen wir leider nicht mehr gegangen sind. Diese Gebäude waren eher in dunkleren Tönen gehalten.


Bild20: Im Vordergrund eine Tempelhalle, dahinter die Pagode, die man bereits aus einiger Entfernung sehen konnte.


Bild21: Durch ein Tor, das an einem Abhang stand, habe ich diese Aufnahme von Kyoto gemacht. Man kann gut erkennen, dass Kyoto auf mehreren Seiten von Bergketten umgeben ist, was erklärt, warum man ständig nach oben laufen muss, wenn man die Tempel am Stadtrand besucht.


Bild22: Auch dieses aus Holz gefertigte Gebäude gehörte zum Tempelkomplex. Ein hübscher, kleiner Pavillion.


Bild23: Beim Spaziergang um den Kiyomizu-Tempel, entdeckten wir einen ganzen Hang voller Steinstatuen mit bunten Lätzchen. Leider eines der letzten Fotos von diesem Tag.


Als wir schließlich wieder in unserer Unterkunft ankamen, war es bereits zu spät, um noch einmal wegzugehen. Und so ärgerte ich mich wieder einmal darüber den Tag fast verschenkt zu haben, denn letztendlich hatte ich nur den Silbernen Pavillion komplett genießen können. Es gab so viel, das ich in Kyoto gerne besuchen würde, doch wenn es in diesem Tempo weiterginge, befürchtete ich, kaum etwas zu sehen. Also versuchte ich für den nächsten Tag ein möglichst stabiles Zeitgerüst zu erstellen, um nicht noch einen Tag zu verschenken. Um acht Uhr wollte ich gerne das Zimmer verlassen und mit dem Bus bis neun Uhr an einer Sehenswürdigkeit anzukommen. Ninja bekam davon allerdings nichts mehr mit, sie verschwand am Abend, um auf die Feier einer Freundin zu gehen, die in Kyoto studierte. Zwischen neun und zehn Uhr wollte sie wieder da sein, um für den morgigen Tag fit zu sein, um halb elf war sie immer noch nicht da und so löschte ich das Licht, um schlafen zu gehen.

Donnerstag, 2. April 2009

Dunkle Wolken

Würde mich jemand zu meinem ersten Eindruck von Kyoto befragen, so würde ich wohl mit den Schultern zucken und ein wenig herumstammeln. Denn als ich mit meinem Gepäck in der Nähe des Bahnhofs stand und mich umschaute, gab es so gar nichts Interessantes anzusehen. Es war nicht hässlich oder heruntergekommen, es gab aber auch nichts, was ins Auge gefallen wäre. Alles was ich sah, waren ein paar hohe Gebäude, eine sehr breite Straße, auf der noch nicht so viel los war, ein paar Grünstreifen und einen großen Parkplatz vor dem Bahnhof. Ich erinnerte mich an den Ausdruck "Kyoto, die Kulturhauptstadt Tokyos" aus meiner Vorlesung zur japanischen Geographie, doch davon war nicht wirklich etwas zu sehen. Zumindest nicht in diesem Teil Kyotos. Nur zu gerne hätte ich meinen ersten Eindruck in ein paar Bildern festgehalten, doch bereits in Tokyo war mir aufgefallen, das meine Kamera weder in der Tüte mit dem Proviant war, noch in meinem Rucksack, weshalb mir bereits dämmerte, dass ich trotz meiner sorgfältigen Vorbereitungen meine Kamera in Soka vergessen hatte.
Es war sechs Uhr morgens, als wir uns entschlossen erst einmal zum Bahnhof zu gehen, um zu sehen, wie wir zu unserer Unterkunft kämen. Ninja hatte zwar in Stichpunkten die Angaben notiert, die uns im Vorhinein als Wegbeschreibung mitgeliefert worden waren, doch irgendwie kamen wir damit nicht klar. Und so liefen wir erst einmal mit unserem Gepäck im Schlepptau am Bahnhof herum. Was genau wir suchten, wußte ich gar nicht genau, Dominic auch nicht, also drängten wir Ninja einfach den nächsten Bahnbeamten um Rat zu fragen. Das tat sie dann auch, mit dem Ergebnis, das wir zur Information weitergeleitet wurden, die glücklicherweise genau in dem Moment öffnete, als wir ankamen. Kurzerhand nahm ich mir Ninjas Zettel und stellte mich vor den Mitarbeiter: "Wir suchen einen Ort namens 'XXX', könnten sie uns dabei weiterhelfen?". Mit gebrochenem Englisch antwortete der Mann, was mich überraschte, weil ich extra in sauberem Japanisch gefragt hatte. Nichtsdestotrotz redete ich für den Rest des Gesprächs auf Japanisch, was ein wenig merkwürdig war, da der Bahnbeamte an der Information kontinuierlich mit seinem schlechten Englisch antwortete, was ich noch weitaus schlechter verstand, als normales Japanisch. Nach einigen Minuten japanisch-englischer Konversation, hielt ich schließlich triumphierend einen Zettel in der Hand, auf dem der Beamte unsere Unterkunft markiert hatte, und so konnten wir uns endlich auf den Weg machen.
Irgendwie hatte ich es ja bereits erwartet: Als wir uns dem Hotel näherten, wurden Ninja und Dominic kontinuierlich langsamer, was dazu führte, dass ich irgendwann ganz vorne lief und somit wieder in die Rolle des Organisators gedrängt wurde. "Was soll's.", dachte ich mir und betrat das Gebäude durch die Schiebetür und stellte mich an die Rezeption zu einem alten Herren, der mich auf Japanisch begrüßte. Wie sich herausstellte, war es noch zu früh zum Einchecken, weshalb wir lediglich den Großteil unseres Gepäcks abluden und uns verabschiedeten. "Wir können erst Nachmittags einchecken.", teilte ich den anderen vor dem Gebäude mit, "Was machen wir also bis dahin?". Ich blickte in zwei müde, missgelaunte Gesichter, die nicht sehr unternehmungslustig aussahen, was nach einer fast schlaflosen Busfahrt verständlich war. Da sich aber niemand wirklich um eine Planung für den Tag kümmern wollte, warf ich einen Blick auf den Stadtplan, den uns der ältere Mann netterweise gegeben hatte, und entschied ein wenig in der Umgebung umherzulaufen, um sich Kyoto anzusehen, schließlich war es zwar frisch, aber doch einigermaßen sonnig. Und so schlenderten wir knapp eineinhalb Stunden durch das südliche Kyoto und sammelten weitere Eindrücke. Hin und wieder borgte ich mir Dominics Kamera, um ein paar Bilder zu machen.


Bild1: Ein Blick auf die fünfstöckige Pagode des Touji, was nichts anderes als Osttempel heißt. Laut meinem Reiseführer ist dies die höchste Pagode Japans und gilt als Wahrzeichen Kyotos. Ich muss eingestehen, dass ich noch nie etwas von dieser Pagode, geschweige denn vom Osttempel gehört habe.


Bild2: Ein Blick in irgendeine Straße im Südviertel Tokyos. Es ist noch immer früh am Morgen und so trafen wir viele Schüler auf dem Weg zur Schule.


Wenn ich ehrlich bin, fand ich Kyoto nicht sehr schön. Viel zu viel Industrie war überall zu sehen und ganz anders als in Tokyo und Soka lag sehr viel Müll herum. Vielleicht lässt sich dies damit erklären, dass wir in einem Bereich unterwegs waren, der normalerweise nicht auf den typischen Touristenrouten verzeichnet ist, dennoch war ich zu diesem Zeitpunkt ziemlich enttäuscht. Und leider wurde Kyoto nicht hübscher, als wir nach einiger Zeit in den Südosten wanderten, um uns ein Tempelviertel anzuschauen, ganz im Gegenteil: Der Müll nahm regelrecht Überhand. Und so liefen wir an verdreckten Straßen entlang, über verdreckte Bäche, vorbei an riesigen Industrieanlagen, bis wir schließlich den halbausgetrockneten Fluss Tokyos überquert hatten und uns im Südosten der Stadt in einem ruhigen, weitläufigen Viertel mit vielerlei Tempeln befanden. Hier wurde die Umgebung dann endlich schöner, wenn auch am Himmel und zwischen Dominic, Ninja und mir dunkle Wolken aufzogen.


Bild3: Verdreckte Bäche und Nebenarme des Flusses in Kyoto. Kein schöner Anblick.


Bild4: Aus der Kulisse Kyotos ragen keine Tempelanlagen oder Schreine hervor, nein, es sind riesige Industrieanlagen, die Kyotos Kulisse im Südviertel prägen.


Bild5: Eine Karte, die einen Übersicht über das verwinkelte Tempelviertel gibt. Jedes rote Häuschen symbolisiert einen buddhistischen Tempel.


Im Nachhinein weiß ich gar nicht mehr genau woran es lag, aber irgendwann begannen wir drei uns in die Haare zu bekommen. Ich lief gerade einige Meter vor den anderen und schaute mir die, im Vergleich zum Südviertel, wunderschönen Häuser und Gärten an, als ich plötzlich angehalten wurde, um den Streit auszudiskutieren. "Welchen Streit?", fragte ich verwundert nach, als mir gleich vorgeworfen wurde, dass ich vor den anderen weglaufen würde. "Also eigentlich habe ich mir nur die schöne Umgebung angeschaut und die Atmosphäre genossen. Tut mir leid, wenn ich dabei zu weit nach vorne gelaufen bin, dann gehe ich einfach noch ein wenig langsamer.", antwortete ich ziemlich perplex und versuchte die Situation möglichst behutsam aufzulösen. "Darum geht es nicht. Sag doch einfach warum du sauer bist.", kam es zurück, woraufhin ich noch verwirrter blickte, und nur "Ich bin doch gar nicht sauer. Ich habe mir wirklich nur die Umgebung angeschaut. Ich dachte dazu wären wir hier ins Tempelviertel gekommen. Die Umgebung anschauen.". Und so schaukelte sich die Diskussion nach oben und jeder behauptete selbst keine schlechte Laune zu haben, was aber angesichts unseres Streits nicht ganz stimmen konnte. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass wir uns im Kreis drehten und ich auf alles was ich sagte, nur noch patzige Antworten bekam, weshalb ich vorschlug doch lieber weiterzugehen, da sich die schlechte Atmosphäre sicher bald von alleine legen würde, doch das wollte auch niemand. Und so saßen wir schließlich zu dritt schweigend auf einer Mauer und taten nichts, was ich ziemlich bedauerte, da ich mir so gerne etwas angeschaut hätte. "Vielleicht ist es besser, wenn wir uns für eine Weile trennen und später treffen, dann kann jeder bis dahin machen, was er möchte.", schlug ich vor. "Vielleicht ist es besser nicht so aufeinander zu hängen, schließlich sind wir alle ziemlich müde und gereizt.". Was als gut gemeinter Lösungsvorschlag gedacht war, entfachte die Glut von Neuem, weshalb wir wieder begannen zu streiten. Und so saßen wir letztlich wieder schweigend da und taten nichts. Und einmal mehr wünschte ich mir irgendetwas anzusehen und die Zeit hier nicht so sinnlos zu vertrödeln.
Vorerst gelöst würde die Situation von außen, denn unerwartet kam ein älteres japanisches Ehepaar auf uns zu und sprach uns an. Woher wir kämen, was wir hier in Japan machen würden und ob wir schon beim nahegelegenen Tempel gewesen wären. Und so unterhielt ich mich eine Weile lang mit den beiden älteren Leuten, die ganz begeistert davon waren Deutsche in Kyoto zu treffen. Doch so interessant das Gespräch auch war, so unangenehm wurde es mir, als die Frau plötzlich begann uns auf den ihrer Meinung nach ruhmreichsten Deutschen anzusprechen: Hitler. Ich wußte erst gar nicht, wie ich darauf reagieren sollte und wählte einen recht simplen Ausweg aus der peinlichen Situation, indem ich einfach das Thema auf den nahliegenden Tempel lenkte. Mein Ablenkungsmanöver klappte und die Frau begann uns begeistert vom Toufuku-Tempel zu erzählen. Ich versuchte überaus interessiert zu wirken und entschuldigte mich so schnell wie möglich mit der Erklärung, dass ich mir nun unbedingt den Toufuku-Tempel anschauen wolle. Und mit diesen Worten schnappte ich mir Dominic und Ninja und zog sie auf das Gelände des Toufuku-Tempels, während das alte Ehepaar noch eine Weile am Eingang stand und uns glücklich zuwinkte. Eine Weile liefen wir über das Tempelgelände und schauten uns einiges an, dann verloren Ninja und Dominic das Interesse und setzten sich irgendwo auf den Boden. Also nahm ich den Fotoapparat, den mir Dominic einige Zeit zuvor gegeben hatte, und erkundete das Tempelgelände auf eigene Faust. Und endlich konnte ich auch nach Belieben Bilder machen.


Bild6: Ein Blick auf die große Haupthalle, des Toufuku-Tempels. Aufgrund der vielen Bäume und Nebengebäude war es gar nicht so leicht, ein guten Foto zu schießen.


Bild7: Ein Bild von der hübschen Gartenanlage mit ihren zahlreichen Steinlaternen. Zu oft macht man nur Bilder von den Hauptgebäuden und vergisst das gesamte Drumherum zu dokumentieren, das seien Beitrag zum Flair der Tempelanlage beisteuert.


Bild8: Im Vordergrund sieht man wieder den Haupttempel und kann diesmal besser erahnen welche Ausmaße dieser hatte. Glücklicherweise hatte sich der Himmel für eine kurze Zeit ein wenig aufgelockert.


Bild9: Ein einfacher Gang, der vom Haupttempel zu einigen Nebengebäuden führte, weckte mein Interesse.


Bild10: Ein Blick auf eines der vielen Nebengebäude, im Vordergrund ein überdachte Gang, wie jener aus dem vorherigen Foto. Manchmal wünsche ich mir, dass ich in der Vorlesung zur japanischen Religions- und Geistesgeschichte etwas besser aufgepasst hätte, um die vielen Nebengebäude ihren Funktionen zuordnen zu können. 


Bild11: Ein weiteres Nebengebäude mit einem japanischen Vorgarten, wie man ihn noch bei vielen Sehenswürdigkeiten zu Gesicht bekommen wird.


Bild12: Eine der vielen Schnitzereien, die sich über den Türen, Toren und in den Giebeln japanischer Tempel und Schreine befinden. In diesem Fall ein Vogel, vermutlich ein Fasan.


Bild13: In Japan nimmt man die Trennung zwischen Buddhismus und Shintoismus nicht so ernst. Darum kann es durchaus vorkommen, dass man mitten auf dem Tempelgelände (buddhistisch) einen Schrein (shintoistisch) findet, wie eben hier beim Toufuku-Tempel.


Bild14: Das Torii, das kleine Tor das man in diesem kleinen Altar für Opfergaben sieht, ist ein typisch shintoistisches Symbol. Bei all den Tempeln und Schreinen in Kyoto war man sich manchmal gar nicht mehr sicher, ob man sich gerade einen Tempel oder Schrein anschaute, weshalb es immer hilfreich war am Eingang des Geländes nachzusehen, ob ein solches Torii zu sehen war, dann hatte man nämlich die Gewissheit sich gerade einen Schrein anzusehen.


Bild15: Dominic und Ninja saßen auf einigen Steinen vor einem Baum, während ich das Tempelgelände erkundete und Fotos schoss.


Nachdem wir das Gelände des Toufuku-Tempels verlassen hatten, liefen wir auf der Suche nach einem Supermarkt durch eine angrenzende Wohngegend. Beim Betrachten der zahlreichen Häuser in den verwinkelten Gässchen, konnte ich mit meiner Begeisterung Dominic anstecken und so lockerte sich die Atmosphäre nach dem angespannten Morgen doch allmählich auf. Nachdem wir von dem etwas höhergelegenen Tempelviertel in die Stadt heruntergelaufen waren, dauerte es nicht lange, bis wir einen Supermarkt fanden, in dem sich jeder ein Sushiset zum Essen kaufte, schließlich hatten wir abgesehen vom Inhalt der Tüte mit dem Reiseproviant noch kein Frühstück gehabt. Als wir uns dann setzten, um zu Essen, begann es schließlich zu tröpfeln, nachdem schon den ganzen Tag über die dunklen Wolken am Himmel bedrohlich hin und her gezogen waren. Zu unserem Glück war es nur ein kurzer Regenschauer, der ebenso schnell vorbei war, wie er angefangen hatte, weshalb wir direkt im Anschluss an unsere Essenspause wieder aufbrechen konnten, ohne durch den Regen laufen zu müssen. Wir verließen das Tempelgebiet und liefen vom Südosten Kyotos entlang einiger Einkaufsstraßen nach Norden, bis wir schließlich in einem kleinen Schreingelände wieder eine Pause machten. Während ich Dominic den Unterschied zwischen Tempeln und Schreinen erklärte, zog sich der Himmel aber bereits wieder mit Wolken zu und so machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof von Kyoto, an dem wir am Morgen angekommen waren. Leider kamen wir wieder einmal in einen Regenschauer und standen für einige Zeit in einem Wohngebiet nahe der Gleise unter dem Vordach einer Garage, bis der Regenschauer vorüber war. Vor allem Ninja hatte keine Lust mehr Kyoto noch weiter zu erkunden, weshalb wir versuchten entlang der Bahnschienen zurück zum Bahnhof zu finden, was allerdings wenig erfolgreich war. Und so irrten wir eine ganze Weile lang durch eine Mischeung aus Wohn- und Gewerbegebiet, bis wir wieder an jener Brücke ankamen, an der wir am Morgen den halbausgetrockneten Fluss ins östliche Kyoto überquert hatten. Erleichtert folgten wir unserem eigenen Weg zurück bis zu unserer Unterkunft, um nun, gegen ein Uhr Mittags, ein weiteres Mal zu versuchen einzuchecken.


Bild16: Der kleine Schrein, an dem wir eine Pause einlegten. Ich habe ihn auf keiner Karte verzeichnet gefunden und weiß nicht einmal, ob er einen Namen hatte.


Bild17: Schreine in Japan stehen oft im Zusammenhang mit einem Heiligtum, in dem gemäß dem shintoistischen Glauben eine oder mehrere Gottheiten wohnen. Dies können Steine, Berge, Gebäude, ein Stück Land, ganze Wälder oder, wie in diesem Fall auch nur ein einzelner Baum sein. Markiert werden diese Heiligtümer oder heiligen Bereiche oft durch ein Seil mit zackigen Papierstreifen dran, wie man es am Stamm dieses Baumes erkennen kann.


Bild18: Dominic und ich sitzen auf einer Bank auf dem Schreingelände.


Als wir wieder an der Rezeption unserer Unterkunft ankamen, saß dort wieder der ältere Mann und begrüßte uns herzlich. Auf meine Frage, ob wir nun einchecken könnten, warf er einen Blick auf die Uhr und bejaht schließlich. Glücklich füllte ich die nötigen Papiere für uns drei aus und regelte alles auf Japanisch, was anstand. Nur die Kosten für die Übernachtung mussten Dominic und Ninja noch übernehmen, doch leider hatten sie das Geld nicht parat. Also fragte ich möglichst höflich nach, ob wir auch noch am nächsten Tag bezahlen könnten, woraufhin der Mann freundlich nickte. Während Dominic und Ninja mit ihrem Gepäck in einem engen Fahrstuhl in den dritten Stock zu unserem Zimmer fuhren, stand ich noch eine Weile unten und unterhielt mich mit dem Besitzer der Unterkunft. Neugierig fragte er nach, wo ich Japanisch gelernt habe, und lauschte interessiert, als ich ihm ein wenig von meinem Studium und Aufenthalt in Japan erzählte. Als ich dann schließlich auch in den Aufzug stieg, schaute der Mann mir lächelnd hinterher und lobte mich für mein gutes Japanisch. Mein Herz machte einen Sprung und ich konnte gar nicht mehr aufhören mich zu bedanken und zu verneigen, so glücklich war ich für dieses Lob.
In unserem kleinen Zimmer angekommen, duschten wir alle nacheinander, bevor sich Dominic und Ninja erschöpft schlafen legten. Ich konnte nicht schlafen, schließlich war ich gar nicht müde. Warum war ich so fit, fragte ich mich, während die anderen wie Steine auf ihren Futons lagen. Vielleicht war es einfach die Begeisterung über all das Neue, das mich wach hielt, genauso wie ich an meinem ersten Tag in Japan voller Tatendrang steckte, obwohl ich im Flugzeug gar nicht geschlafen hatte ("So ist Soka"). Und so blätterte ich durch meinen Reiseführer und schaute auf die Stadtpläne, die wie vom Besitzer unserer Unterkunft erhalten hatten, während sie anderen für knapp zwei Stunden schliefen.
Als die anderen am Nachmittag wieder wach wurden, begann ich unsere Abendunternehmung zu planen, woraufhin Ninja äußerte gerne nach Gion zu gehen, ein traditionelles Viertel in Kyoto, das für sein besonderes Flair zur Abendzeit bekannt ist. Eine gute Idee, stimmte ich Ninja zu, während Dominic so gar keine Lust hatte noch einmal nach draußen zu gehen. Erst als ich ihm erzählte, dass wir am Nationalmuseum Kyotos vorbeilaufen würden, in welches er schon immer einmal gehen wollte, erklärte auch er sich bereit noch einmal durch Kyoto zu laufen. Also verließen wir unsere Unterkunft am späten Nachmittag und liefen mit unserer Karte in der Hand quer durch Kyoto in Richtung des Viertels Gion, das sich im Osten befand. Nach über einer halben Stunde Fußmarsch kamen wir dort an, wo laut Stadtplan eines der traditionellsten Viertel Kyotos sein sollte, doch wirklich beeindruckend fand es niemand. Ja, es hingen Laternen an den Überdachungen der Straßen und die Häuser waren ziemlich traditionell, doch die Fluten von Menschen  und die zahlreichen Stände und Läden machten das "besondere Flair", von dem ich so oft im Bezug auf Gion gehört hatte, vollkommen zunichte. Und so liefen wir recht schnell durch die vollen Straßen, vorbei an den bunten Lichtern und den unzähligen Läden, bis wir uns in einer ruhigen Nebenstraße vor einem Supermarkt wiederfanden. Dort kauften wir für den Abend ein und liefen schließlich mit unseren Einkaufstaschen beladen zurück durch Kyoto zu unserem Wohnheim. Und als wir so in der Dunkelheit den kürzesten Weg zum Bahnhof nahmen, abseits der Touristenwege und überfüllten Straßen, kamen wir durch ruhige Straßen in denen sich ein Lokal ans nächste reihte, ohne dass es irgendwie hektisch gewirkt hätte. Damen in traditioneller Kleidung nickten uns von den Eingängen aus zu und luden uns ein Platz zu nehmen, was wir freundlich ablehnten. Und so hatten wir doch noch das Gefühl ein wenig von jenem Flair zu erleben, der im Reiseführer so ausführlich beschrieben wurde.


Bild19: Das Nationalmuseum von Kyoto, auf das sich Dominic so sehr gefreut hatte, war wegen Umbauarbeiten leider geschlossen. Als Erinnerung haben wir dennoch ein paar Bilder gemacht.

Bild20: Das Viertel Gion, das für sein "besonderes Flair" bekannt ist. Hiervon haben wir aber an diesem Abend, in dieser Straße nichts gemerkt.


Bild21: Abseits des Lärms und der Touristen, kamen wir dann doch noch in eine Gegend, die genau so war, wie wir uns Gion ausgemalt hatten. Statt überfüllter Straßen, gab es ruhige, besinnliche Gassen, statt schriller Läden und Stände, gab es ruhige Lokale, an denen man von netten Damen begrüßt wurde und anstelle der gewöhnlichen Straßenbeleuchtung war der Weg von jenen Laternen gesäumt, die auf dem Foto zu sehen sind.


Bild22: Ein Blick in einen kleinen Weg der zum Eingang eines Lokals führt. Auf dem Foto sieht es natürlich überhaupt nicht wie in der Realität aus. Man muss sich vorstellen, dass dieser kleine gepflasterte Weg in ein sanftes Licht getaucht und von Pflanzen gesäumt war. Wunderschön.


Den Abend verbrachten wir auf unserem Zimmer, aßen gemeinsam an einem kleinen Tisch und genossen ein entspanntes Beisammensein, nach all dem Streit an diesem Tag. Ohne größere Planung für den kommenden Tag legten wir uns kurze Zeit darauf auf unsere Futons und schliefen ein. Und schlafen konnte nach der langen Anreise und einem anstrengenden ersten Tag jeder von uns. Bevor ich jedoch einschlief, lies ich den Tag noch einmal Revue passieren und bedauerte ein wenig nur so wenig erlebt zu haben, schließlich hatten wir in den knapp zehn Stunden, die wir in Kyoto unterwegs gewesen waren, doch recht wenig gesehen. Das wird morgen bestimmt ganz anders, dachte ich mir und hoffte auf einen spannenden, ereignisreichen zweiten Tag in Kyoto, bevor ich schließlich einschlief.